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Sebastian Fitzek im Interview

Sebastian Fitzek

tip Amokspiel spielt in der Medienszene, Noah handelt von Eugenik und sogenannter Überbevölkerung. Wie stößt Du auf Deine Stoffe?
Sebastian Fitzek In der Regel inspiriert mich der Alltag: Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt. Bei Noah war es eine Reportage zum Thema Überbevölkerung, die bei mir die Frage aufwarf: „Wie viel ist denn eigentlich zu viel?“ Wenn über Überbevölkerung gesprochen wird, gibt es da so etwas wie eine mathematische Größe, bei der man sagt, jetzt haben wir den Punkt erreicht, an dem die Kapazitäten unserer Erde rein rechnerisch überschritten sind?
Als Familienvater mit drei Kindern interessieren mich aber nicht nur die großen Themen. Wenn man es auf einen Nenner bringen will, sind alle meine Bücher Familiengeschichten, da ich der festen Überzeugung bin, dass in der Familie alles seinen Ursprung hat: das Gute wie das Böse.

tip Der Psychopath ist ein Thema, das hierzulande gern medial ausgeschlachtet wird, während der Eugenik-Diskurs ausschließlich im angloamerikanischen Raum öffentlich geführt wird…
Sebastian Fitzek Wir sind alle, und da nehme ich mich nicht aus, Bestandteil einer sehr flüchtigen Mediengesellschaft. Wenn wir etwas bestellen, wollen wir, dass es am nächsten Tag bei uns zu Hause ist. Wenn wir etwas auf Facebook lesen, sollen wir sofort auf „like“ drücken oder kommentieren und es schleunigst teilen. Darauf hat sich auch die Medienwelt eingestellt. Beiträge werden kürzer oder kommen in Form von Listen vor, weil das leichter zu konsumieren ist. Aber es lässt sich nicht alles schnell, kurz und prägnant formulieren. Bestimmte, komplizierte Themen bleiben dabei zwangsläufig außen vor. Journalisten haben ein großes Problem: Sie bekommen oft nicht mehr die Zeit dafür, einen Beitrag gründlich zu recherchieren. Und insofern ist es interessant, dass Informationen in Romanen manchmal besser aufbereitet werden können, tiefergehender. Hier können sich die Leser dann auch mal wieder Stunden, also länger, mit Inhalten beschäftigen. Erstaunlicherweise nimmt die Umsetzung von Unterhaltungsstoffen immer mehr Zeit in Anspruch, das gilt zum Beispiel für Kinofilme und Serien, in denen sich Charaktere über zahlreiche Staffeln hinweg verändern. Es gibt diesen schönen Satz: „Die Information wird mit List verpackt“: Das schafft man in einem Roman, einem Kinofilm oder in einer Serie aktuell manchmal besser, als in einer knapp formulierten Nachricht.

Sebastian Fitzektip Diese These vertrat der Medienwissenschaftler Wolfgang Mühl-Benninghaus bereits vor einigen Jahren. Eignet sich das Unterhaltungsmedium besser, um vermeintlich heikle Themen anzufassen?
Sebastian Fitzek Ich glaube, was zur Zeit de facto sehr häufig geschieht ist, dass man sich Teilbereiche des Problems herauslöst; sich zum Beispiel sagt, ich behandle die Klimakatastrophe, das Artensterben, die Energiekrise oder Kriege und Terrorismus. Bei Noah hingegen ging es mir darum, eine Klammer um all diese Themen zu setzen: Die Ursache all dieser Probleme ist der Mensch und sein Verhalten auf diesem Planeten, wobei ich mir hier an die eigene Nase fassen muss. Ich habe mir meinen eigenen ökologischen Fußabdruck ausgerechnet, der liegt bei 2,8 Erden. Mit anderen Worten, wenn alle Menschen auf diesem Planeten aktuell genau so leben würden wie ich, genau so viel Energie verbrauchen würden, genauso viel Wasser, genauso viel verreisen, dann bräuchten wir noch 1,8 weitere Planeten im Keller, also als Ressource. Die große Gefahr ist, dass wir diese Probleme bei uns in der westlichen Welt nicht spüren. Ein Beispiel: Wenn wir weiter so billiges und subventioniertes Fleisch erzeugen, dass es auf afrikanischen Märkten günstiger angeboten werden kann, als heimische Erzeugnisse, stürzen wir die lokalen Bauern noch weiter in die Armut, und Armut ist in den Entwicklungsländern gleichbedeutend mit Unterernährung. Ein geschwächter Körper ist wiederum viel anfälliger für Krankheiten, auch für Ebola. Über diesen, zugegeben stark vereinfacht dargestellten, Teufelskreis machen wir uns aber so lange keine Gedanken, bis der erste Ebolapatient in New York oder Berlin auftaucht. Dann sind die Talkshows voll mit Gästen zu diesem Thema, das aber in der Kürze der Sendezeit wiederum nur sehr oberflächlich behandelt werden kann.

tip Noah illustriert, dass Forschung nicht generell aus altruistischen Gründen betrieben wird, sondern ebenso auch Profitstreben unterliegen kann. Das führt aber nicht zum Schwarz-Weiß-Zeichnen.
Sebastian Fitzek Es gibt auch kein Schwarz oder Weiß, speziell bei diesem Thema. Ich bin kein Phantast. Ich halte den Kapitalismus für funktional. Gleichwohl kann der gegenwärtige Zustand nicht das Ende der Fahnenstange sein kann. Das permanente Wirtschaftswachstum ist nicht heilbringend. Das merken wir ja auch in unserer Gesellschaft: Wir wachsen und wachsen, aber wir haben das Problem, dass wir trotzdem nicht zufriedener werden.

Foto oben: H. Henenkensiefken / FinePic München

Foto unten: Lucia Fuster / Raschke Entertainment GmbH

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