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Florian Illies: „1913“

1913Einen Kleinwagen fährt Florian Illies schon lang nicht mehr. Nach dem Hype um „Generation Golf“ (2000) startete er durch: Leiter der Berliner Seiten der „FAZ“, Feuilletonchef der „FAS“, Chefredakteur von „Monopol“. Irgendwann schien ihm das Leben wohl auf der Überholspur zu schnell. Seit 2011 kümmert sich der 41-Jährige beim Auktionshaus Villa Grisebach ums 19. Jahrhundert. Sozusagen auf halbem Weg dahin legt Illies jetzt „1913“ vor, sein erstes Buch seit sechs Jahren.

In anekdotischen Schlaglichtern beleuchtet er eine Gesellschaft im Umbruch. Wie in einer Zeitmaschine wird der Leser in ein neurasthenisches Zeitalter katapultiert. Der Weltkrieg liegt in der Luft. Die Moderne ist nicht aufzuhalten. Ecstasy wird zum ersten Mal synthetisiert. In Paris schreibt Marcel Proust in einer mit Kork tapezierten „Schallschutzkammer“. In Wien malt Adolf Hitler in einem Männerwohnheim kitschige Postkarten. In Berlin schleicht Gottfried Benn durch den Sektionskeller des Westend-Klinikums, nachdem ihm ein Gutachten Probleme im Umgang mit Menschen attestiert hat und stattdessen die Gesellschaft von Leichen nahelegt.
Illies, der mal Kunstgeschichte studierte, ist Kenner der Szene. Originalquellen und Zitate werden durch erzählerische Eingriffe zu charmanten Anekdoten. Zum Beispiel, wenn Kafka nach dem 200. Brief an seine Geliebte Felice Bauer fragt: „Kannst Du eigentlich meine Schrift lesen?“ Oder wenn Max Beckmann ein Selbstporträt nach dem anderen malt, um festzustellen: „Wie traurig und unangenehm, sich immer mit sich selbst abgeben zu müssen.“
Das liest sich alles wunderbar. Die Hochkultur wird auf eine menschliche Ebene gehoben. Nur einen Schönheitsfehler hat das Buch. Trägt der feuilletonistisch flotte Stil, der nur die Sahnehäubchen abschöpft, um ja kurzweilig zu bleiben, doch zu genau jener Beschleunigung bei, unter der nicht nur Illies leidet. Aber wer will ihm das verdenken? Dieses Schneller, Lauter, Härter der Medien. So nett die einzelnen Episoden sind: Irgendwann geht einem der Ton auf die Nerven, man muss die Lektüre beiseitelegen. Um später weiterzulesen.    

Text: Welf Grombacher
tip-Bewertung: Lesenswert

Florian Illies: „1913. Der Sommer des Jahrhunderts“
S. Fischer, 320 Seiten, 19,99 Ђ

 

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