Bücher

Frank ­Schätzing im Gespräch

Frank ­Schätzing im Gespräch
Frank Schätzing Foto: Lena Ganssmann

tip Glauben Sie manchmal an Ihre eigenen Verschwörungstheorien – oder an andere?
Frank ­Schätzing Privat hab ich’s nicht so mit Verschwörungstheorien. Allerdings ist die in „Breaking News“ durchaus vorstellbar.

tip Im Roman bieten Sie uns eine vermutlich fiktive Erklärung dafür, warum Ariel Scharon ins Koma fiel. Wie haben Sie sich gefühlt, als der reale Ariel Scharon kurz vor Erscheinen des Romans starb?
Frank ­Schätzing Wenn man sich wie ich zwei Jahre so intensiv mit jemandem auseinandersetzt, kommt er einem irgendwann vor wie ein persönlicher Bekannter. Natürlich stand sein Tod zu erwarten. Er lag ja seit 2006 im Koma. Schwerkranker Mann. Ein Wunder, dass er überhaupt so lange durchgehalten hat. Als er dann kurz nach Fertigstellung und so kurz vor Veröffentlichung des Buches starb, war ich schon ein Stück weit betroffen. Während seiner letzten Tage dachte ich immer: Komm, Arik, die paar Wochen, bis wir das Buch rausbringen, hältst du jetzt auch noch durch. (lacht)

tip Welche Zutaten brauchen Sie für einen Bestseller?
Frank ­Schätzing Im Grunde nur eine gute Idee. Gewissermaßen das Samenkorn, das die komplette Story schon in sich trägt. Aus der Idee muss nicht gleich der große Wurf ersichtlich werden. Bei „Breaking News“ war es die Eingebung: Scharon wurde kaltgestellt. Beim „Schwarm“ ein Traum darüber, wie sich das Leben im Meer gegen den Menschen verschwört.

tip Haben Sie Rechercheassistenten?
Frank ­Schätzing Nein, ich mache immer noch alles selbst: Lese stapelweise Fachliteratur, plündere das Internet. Rede mit Experten und entwickle im Dialogverlauf neue Ideen. Der Assistent kann nur abfragen, nicht das Potenzial solcher Gespräche ausschöpfen. Diesmal waren vor allem Historiker meine Helfer, auch Geheimdienstler, Militärs, Journalisten.

tip Haben die alle ein Interesse daran, mit Ihnen zu reden?
Frank ­Schätzing In Deutschland ist es mittlerweile kein Problem mehr, da hilft mir schlicht meine Bekanntheit. Wenn ich jemanden anrufe und frage „Hätten Sie Lust, mit mir die Welt zu zerstören?“, krieg ich in 99 Prozent aller Fälle eine Einladung. In Israel wusste ich nicht, wie es laufen würde, das Ergebnis war umso erstaunlicher. Ein Freund machte mir ein paar Türen auf, danach wurde ich weitergereicht. Alle fanden super, dass ich vorhatte, einen Israel-Thriller zu schreiben. Und verwundert , dass sich ein Deutscher so sehr für ihre Geschichte interessierte.

tip Trotzdem ist das Buch in Israel bisher nicht erschienen.
Frank ­Schätzing Ich glaube auch nicht, dass das in absehbarer Zeit der Fall sein wird. Wir verkaufen „Breaking News“ in alle Welt, aber in Israel will offenbar kein Verlag an das Thema ran. Vielleicht mag man sich so was im gegenwärtigen Klima nicht ans Bein hängen. Kann ich sogar verstehen. Das Buch wirft einen kritischen Blick auf Netanjahu und die ideologische Siedlerbewegung.

tip Sie zoomen oft von der Astronautenperspektive ganz dicht an die Figuren und ziehen dann wieder weit auf.
Frank ­Schätzing Wie beim impressionistischen Gemälde. Solange Sie mit der Nase dicht davor stehen, können Sie zwar detaillierte Aussagen über Farbkleckse treffen, nie aber werden Sie etwas über das Gemälde als Ganzes erzählen können. Dazu braucht es immer wieder den Schritt zurück. Die Strukturen erschließen sich erst aus der Distanz. Haben Sie die verstanden, können Sie sich wieder Schritt für Schritt nähern und über Einzelheiten reden. Distanz war bei diesem Thema besonders wichtig, um zu verstehen, woher der Hass kommt. Ich musste die Geschichte der Region kennen. Die letzten Jahrzehnte, aber auch die vor-israelische Zeit.

tip Sie kommen aus der Werbeindustrie. Wie finden Sie heraus, welche Themen sich gut vermarkten lassen?
Frank ­Schätzing Das interessiert mich ehrlich gesagt nicht. 20 Jahre habe ich mich ausschließlich mit der Vermarktbarkeit von Dingen beschäftigt. Als ich anfing, Bücher zu schreiben, war das eine Gegenreaktion. Seitdem habe ich nie wieder darüber nachgedacht, ob ein Thema marktreif ist, wer es lesen könnte, wem es gefallen könnte. So funktioniere ich nicht.

tip Was planen Sie für Ihren Auftritt im Tempodrom?
Frank ­Schätzing Etwas völlig anderes als eine klassische Literaturlesung. Ich nutze die dramaturgischen Möglichkeiten der Bühne, um den Erzählkosmos von „Breaking News“ weiter auszuleuchten. Bei der „Limit“-Tour war die Großleinwand der Star, diesmal ziehen wir alle Register der Akustik. Es gibt einen Erzählteil, in dem ich über Hintergründe der Buchentstehung berichte, über meine Zeit in Nahost, auch über israelischen und palästinensischen Humor, den der Konflikt hervorbringt. Lachen hilft, den Wahnsinn zu ertragen. Im Showteil löschen wir dann das Licht und fahren ein klanggewaltiges Live-Hörspiel ab. Originaltöne, die ich vor Ort aufgenommen habe, etwa das Markttreiben von Nablus, mischen sich mit filmreifen Soundtracks, dazu lese ich live. Es ist Kino für die Ohren. Die Besucher werden das Gefühl haben, Teil der Szenerie zu sein, zudem sorgt Ofrin, eine phantastische Sängerin aus Israel, mit ihrer Stimme für Gänsehaut.

tip Haben Sie diese Soundtracks schon beim Schreiben im Kopf?
Frank ­Schätzing Ich habe immer Filme im Kopf. Diese inneren Filme schreibe ich ab. Das Schöne ist ja: Als Schriftsteller können Sie mit Special Effects nur so um sich werfen, sie kosten alle denselben Speicherplatz im Laptop.

tip Was lesen Sie selbst eigentlich gerne?
Frank ­Schätzing Quer durch den Garten. Gerade „Der Distelfink“ von Donna Tart  –  sehr gutes Buch! Davor den letzten Daniel Kehlmann. „Der Ruf des Kuckucks“ von Robert Galbraith, wie Joanne K. Rowling sich neuerdings nennt. Zwischendurch gute Thriller: Michael Robotham mit seinem knappen harten Stil. Und Don Winslow.

tip Sie denken dann nicht: „Das hätte ich anders geschrieben“?
Frank ­Schätzing Doch, das passiert leider schon, zumindest unmittelbar, nachdem ich ein Buch vollendet habe. Dann lese ich, als ob ich immer noch selber schreiben würde. Die beste Lektüre in dieser Phase sind Sachbücher.

tip Schreiben Sie mit Ihrem recherchierten Material zu „Breaking News“ vielleicht selbst noch ein Sachbuch, wie nach dem „Schwarm“?
Frank ­Schätzing Nein. Damals wollte ich die Entstehung des Lebens auf der Erde erklären. Ich habe nicht das Bedürfnis, über „Breaking News“ hinaus den Nahen Osten zu erklären.

tip Obwohl Sie als Experte in Talk-Shows eingeladen werden.
Frank ­Schätzing Sicher habe ich eine gewisse Expertise, aber ich bleibe ein Romancier mit Hintergrundwissen. Ich kann, wie Michael Crichton sehr schön gesagt hat, die erste Stufe der Rakete zum Verständnis zünden. Dann müssen andere übernehmen. Die wirklichen Experten.

Interview: Stefan Hochgesand

Breaking News Tournee 2014 Tempodrom, Mi 22.10., 20 Uhr

Mehr über Cookies erfahren