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Frank Schulz: „Onno Viets und der Irre vom Kiez“

schulz_onnoOnno Viets ist 53, Noppensockenträger und schier unbezwingbar an der Tischtennisplatte. Sein beruflicher Werdegang verlief hingegen weniger glamourös. Nach diversen Abbrüchen und Konkursen hat er sich eingerichtet als arbeitsloser White-Stripes-Hörer, Frühstücksfernsehkonsument und Pingpongtitan von Hamburg-Eppendorf. Nach Viets’ Gusto hätte alles noch ein Weilchen so weitergehen können, wenn nicht das Finanzamt eine unerquickliche Forderung aus seinem letzten beruflichen Gastspiel als freier Journalist erhöbe und die geliebte Gemahlin Edda zum 50. ein neues Fahrrad bekommen sollte. So erklärt der klamme Onno – zur Verblüffung seiner Freunde –, dass er sich eine Zeit lang als Privatdetektiv verdingen werde.
Der Hamburger Schriftsteller Frank Schulz, bekannt für Fabulierfreude und Sinn für Abschweifungen und Skurrilitäten, legt mit „Onno Viets und der Irre vom Kiez“ seinen ersten Thriller vor, der das Genre auf einzigartig schulzsche Weise bedient, parodiert und reflektiert: „Der Malteser Falke ist kein Kümmel.“ Onno Viets ist als Detektiv nicht nur wegen seiner mangelhaften technischen Ausstattung eine Katastrophe.

Ein hanseatischer Big Lebowski, der für einen Popstar herausfinden soll, ob dessen C-Promi-Ische sich anderweitig verlustiert. Tut sie natürlich. Und zwar mit einem tätowierten Zwei-Zentner-Hünen, der im Kiezgewerbe an der Reeperbahn eine ziemliche Nummer ist. Nach der ersten Kollision mit dem Rotlichtberserker hätte Onno Viets den Fall klugerweise abgeben sollen. Stattdessen verfolgt er sein Zielobjekt nach Mallorca, wo die Handlung noch ein paar schlimmstmögliche Wendungen nimmt.
Am Ende erklärt sich, warum am Anfang ein Irrer auf der Außenalster einen Ausflugsdampfer kapert und Passagiere, Besatzung nebst Shanty-Chor mit der Machete in Schach hält. Ein klasse Krimi für alle, die neben Spannung, Situationskomik, liebevollen Milieu- und Figurenzeichnungen auch Sprachakrobatik und brillante Schilderungen zu schätzen wissen. Sätze wie diesen: „Frühlingsfortschrittsgemäß strömte durch die Milchglasfenster am hohen Deckenrand mehr Lux als noch vor einer Woche um diese Zeit.“

Text: Ralph Gerstenberg

tip-Bewertung: Herausragend

Frank Schulz: „Onno Viets und der Irre vom Kiez“, Galiani Berlin, 368 Seiten, 19,99?Ђ

Buchpremiere mit Fiona Popo und Nick Dolan sowie Tina Kemnitz und Martin Wehrmann (Lesung), Roter Salon, Do 23.2., 20 Uhr

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