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Weibliche Sicht

„She said“: Berlins neue Frauenbuchhandlung setzt Fokus auf Autorinnen und queere Literatur

Nach langer Zeit wird es sie wieder geben: eine Frauenbuchhandlung in Berlin. Emilia von Senger will im Herbst einen Laden nur für Bücher von Autorinnen sowie queeren Autor*innen eröffnen.

Emilia von Senger plant ihren Buchladen im Herbst zu eröffnen.
Emilia von Senger plant eine Frauenbuchhandlung in Berlin. Foto: Marlen Müller

Diese Frau ist sich ihrer Sache sicher. Wenn Emilia von Senger über ihre geplante Buchhandlung spricht, muss sie nicht lange überlegen oder nach Worten suchen. Mit Begeisterung und Entschlossenheit erzählt sie von ihrem Konzept, fast ausschließlich Bücher von Autorinnen und queeren Autor*innen anzubieten. Kürzlich hatte sie einen Termin in einem Gründerzentrum. Dort hätten ihr die Berater*innen gesagt, man wüsste gar nicht, was passieren müsste, damit sie es nicht tut, erzählt die Berlinerin und lacht.

„She said“ wird die Buchhandlung auf dem Kottbusser Damm in Neukölln heißen. Im Englischen gibt es die Redewendung „he said, she said“, um die unterschiedliche Wahrnehmung einer Situation aus der Perspektive eines Mannes und der einer Frau zu verdeutlichen. Emilia van Senger hat sich jedoch nicht direkt von dieser Redewendung, sondern von der – darauf anspielenden – 2018 erschienene Anthologie „Sagte sie“ inspirieren lassen. Herausgeberin Lina Muzur geht im Vorwort zu „Sagte sie“ auf diese unterschiedlichen Sichtweisen ein und schreibt: „Vielleicht haben wir zu oft seine Version der Geschichte gehört.“

Von Senger kann einem gleich mehrere Studien aus den letzten zwei Jahren herbeizitieren, um zu verdeutlichen, dass dies im Literaturbetrieb noch eindeutig der Fall ist: Je mehr Prestige der Verlag hat, desto weniger Autorinnen führt er im Programm. In Zeitung und Radio werden häufiger männliche Autoren besprochen bzw. bekommen mehr Platz.

Frauenbuchhandlung „She said“: Buch veränderte alles

Emilia von Sengers eigene Lesebiografie, wie sie es nennt, war lange Zeit hauptsächlich von einer Perspektive geprägt: der des, nun ja, weißen Mannes. Der Kanon eben. Als sie mit Mitte 20 die „Glasglocke“ von Sylvia Plath liest, kommt die Lektüre einem literarischen sowie persönlichen Erweckungserlebnis gleich. „Ich konnte mir zunächst nicht erklären, was daran so anders war, als den an Büchern, die ich bisher gelesen hatte“, sagt sie. Irgendwann sei ihr aufgegangen: eine Frau hat es geschrieben. Plaths Schilderungen der Innensicht einer jungen Frau, die mit den spezifischen Herausforderungen an Frauen in der westlichen Gesellschaft in den 1960er kämpft, hätten in ihr viele Denkprozesse ausgelöst, sagt Emilia von Sengers. Und sie fügt hinzu: „Ich habe mich verstanden gefühlt.“

Ob es bestimmte Vorstellungen von Weiblichkeit gab, von denen sie sich im Laufe dieses Prozesses gelöst hat? Da muss die 32-Jährige dann doch einen Moment überlegen. „Ja“, sagt sie „Ich glaube ein ganz großes Thema für viele Frauen ist das Gefühl, dass du für das Wohlergehen der Menschen um dich herum verantwortlich bist. Wenn es ihnen nicht gut geht, dann ist es entweder deine Schuld oder du solltest etwas tun, damit es ihnen wieder besser geht. Dabei liegt es oft gar nicht an dir.“ Auch eine Art, Anerkennung und Wertschätzung zu erhalten. Emilia kennt das. Allerdings habe sie durch die Gründung und das Einstehen für sich sowie das eigene Projekt erlebt, dass sie das auch anders erhalten kann. Natürlich sei es total wichtig, dass man sich kümmere – aber gleichberechtigt.

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Like grandfather, like granddaughter 👀📚. Ich lese auf dem Bild der Wunschpunsch, leider weiß ich nicht, was mein Großvater damals gelesen hat 🤔. Wahrscheinlich etwas Historisches.. Habt ihr auch Lesebilder von Euch als Kind? #tbwednesday #michaelende #derwunschpunsch

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Seit der Lekrüre von Sylvia Plath hat sich von Senger eine Regel gesetzt: mindestens die Hälfte ihrer neugekauften Bücher müssen von Autorinnen sein. Das sei zunächst gar nicht so einfach gewesen, weil sie gar nicht so viele kannte, erzählt sie. Also fing sie zunächst mit Klassikern an und drang mithilfe von Blogs und Zeitungen immer tiefer in die Materie ein. Deswegen soll ihr Laden ein Ort sein „in dem so jemand wie ich damals hingehen kann und eine breite Auswahl an älteren sowie zeitgenössischen Autorinnen findet und gut beraten wird.“

„She said“: Eine Frauenbuchhandlung 2.0 in Berlin

Inspiriert ist Emilia von Senger von den Frauenbuchhandlungen der 60er und 70er Jahre, die in Berlin und vielen anderen Städten weltweit aufkamen. Diese waren die zentralen Anlaufstellen für die politische Bewegung und auch Schutzräume, in denen nur Frauen erwünscht waren. Sie bezeichnet ihren Laden als eine Frauenbuchhandlung 2.0: „Ich sehe mich schon in der Tradition, aber ich sehe das ganz klar als Weiterentwicklung. Ich möchte, dass auch Männer zu mir kommen und Autorinnen entdecken.“

Im Zuge dieser Weiterentwicklung gehört es für sie dazu, die erzählenden Perspektiven von schwulen Männern oder Personen, die eine binäre Geschlechteridentität haben, sichtbar zu machen. Denn die heutige feministische Bewegung fasse aus gutem Grund nicht nur Rollenveränderungen für Frauen, sondern auch für Männer ins Auge. Sie könnten ebenso von der Lektüre weiblicher und queerer Autor*innen profitieren, wenn es darum gehe zu hinterfragen, was hegemoniale Männlichkeit bedeute und inwiefern sie schädlich sei, findet die angehende Buchhändlerin.

Ein Kindheitstraum nimmt Gestalt an

Mit der Eröffnung eines eigenen Buchladens erfüllt sich von Senger einen Kindheitstraum. Der Weg dorthin war jedoch nicht so zielgerichtet, wie man aufgrund ihrer jetzigen Entschlossenheit meinen könnte. Zunächst studiert sie Politik und arbeitet in einer Neuköllner Grundschule. Als sie sich von einer Magen-Darm-Grippe nicht mehr richtig erholt, beschließt sie für einige Monate auszusetzen. In dieser Zeit geht sie kaum raus, liest viel – und schreibt über die Bücher auf Instagram. „Das war mein Fenster zur Welt in dieser Zeit“, sagt sie. Schnell trifft sie auf Gleichgesinnte, tauscht sich mit ihnen aus und wird Teil dieser sogenannten Bookstergramm-Community.

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In letzter Zeit gelesen aber noch nicht rezensiert. Komme grad zu nichts 🤖 Welches interessiert Euch?

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Als es ihr besser geht, fängt sie an, in einer Kiezbuchhandlung zu arbeiten. Die Arbeit macht ihr Spaß, aber ihr fehlt der Gestaltungsspielraum. Emilia von Senger möchte ihr eigenes Ding machen. „Ich wollte einen Ort schaffen, an dem man nicht nur Bücher verkauft, sondern auch zusammenkommt und diskutiert.“, erzählt sie. Lesungen, Diskussionsveranstaltungen, Lesekreise und Performances – das alles soll möglich sein in den Räumen von „She said“. Ein Café wird es auch geben, in dem man es sich mit einem Buch aus dem Laden gemütlich machen kann.

„She said“: Mit entspannter Zuversicht gegen Sorgen

Vor einem Jahr fasste Emilia von Senger den Entschluss, die Selbständigkeit zu wagen. Eine Erbschaft verschafft ihr den nötigen finanziellen Spielraum. So kann sie auch ihr Team aus Architektinnen, Designerin und Cafémanagerin bezahlen. Ob sie sich Sorgen mache? Klar. Werden die Bauarbeiten im Laden rechtzeitig fertig? Wird sie in Anbetracht von Corona Veranstaltungen durchführen können? Könnte es ihr körperlich wieder so schlecht gehen wie damals? Dennoch lässt sie sich davon nicht beirren: dann eröffnet sie eben etwas später, übergibt die Leitung an jemand anderen, wenn sie mal aussetzen muss.

Ihre Kraft ziehe sie aus dem Spaß an der Sache und dem bestärkenden Feedback seitens Familie, ihres Partners, Freunden und ihrer wachsenden Instagram-Community. „Mein Support-Netzwerk ist total wichtig“, betont Emilia von Senger. Sie hat schon einige Interviews geführt und kürzlich eine Vorbestellung in Höhe von 250 Euro für eine Grundausstattung an feministischer Literatur bekommen. Das verstärkt ihre Zuversicht: „Ich denke, wenn es solche Leute gibt, dann kann das ja nur gut gehen.“

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