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Frettchenbuch – Willy Vlautin und sein unwiderstehliches Medienpaket

Irgendwie scheint der Verlag seinem eigenen Autoren nicht recht zu trauen: „Motel Life“, dem Debütroman Willy Vlautins, ein waschechtes Americana-Drama (Säufer, Casinos, Tankstellen, Wüste), packte man gleich eine CD von Vlautins unbekannter Country-Band Richmond Fontaine (Säufer, Casinos, Tankstellen, Wüste) bei und setzte dem Multimedia-Paket noch einen drauf, als man den Leipziger Bierpoeten Clemens „Rennbahn“ Meyer in einem schwer erträglichen Nachwort beschreiben ließ, wie er beim Lesen vor lauter Freude an der Seelenverwandschaft fast mit Bierflasche in der Wanne ertrunken wäre.

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Vlautins neuer Roman „Northline“ (Berlin Verlag) kommt ähnlich aufwendig flankiert daher, was erneut daran liegen mag, dass die Story allein so schwach ist (schwangere Teenagerin flüchtet vor ihrem brutalen Freund von einem Nevadakaff ins nächste, trifft auf Frettchenzüchter, einsame Bingo-Spieler und erinnert sich daran, wie ihre Redneck-Freunde auf Pritschenwagen-Treffen in der Wüste vom „durchgeknallten Irren“ Hitler schwärmen und über Verschwörungen der „Neuen Weltordnung“ fabulieren. Das sind zehntausendmal gehörte und gelesene Geschichten). Hier durfte der Berner Dichter Pedro Lenz in bester Clemens-M.-Tradition ein Nachwort schreiben, das einen voller Fragezeichen zurücklässt. Denn nicht nur, dass Pedro Lenz das Buch in seinem Aufsatz nochmal artig wie ein Schüler auf seine Thesen reduziert. Nein, er kommt in seinen schwergedanklichen Analysen („ein großer Roman über das Besondere des Bedeutungslosen“) auch um das obligatorische „White Trash“-Gütesiegel, das dem Leser allerdings schon nach zwei Seiten Romanlektüre vor Augen blinkt, nicht herum: „Die junge Frau und die Leute um sie herum sind Übriggebliebene“. Danke, Pedro Lenz. Und danke für solche Rezensions-Perlen б la „Man möchte es weiterlesen, stundenlang, tagelang, wochenlang, in einem einsamen, traurigen Zimmer irgendwo am Ende der Welt“. Wir freuen uns schon auf das Nachwort zum dritten Vlautin-Roman.

Willy Vlautin, „Northline“, Berlin Verlag, 224 Seiten, 19.90 Euro.

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