Bücher

Frohe Weihnachten


 Wichtige Preise (Bram Stoker Award, International Horror Guild Award) und ein wie immer lautes In-your-face-Vorwort von Dietmar Dath („…pazifistisches Pamphlet greift das ekelhafte Heimatfrontlärmen massenmedialer Kriegsgleichschaltung an“) trompeteten „Dawn Song“, dem neuen Roman von Michael Marano, voraus. Darin kehrt ein verführerischer weiblicher Dämon in Boston ein, der seine Opfer aussaugt und das Blut seinem dunklen Herrn zur Stärkung darreicht. Das alles geschieht zur Weihnachtszeit 1990, und wer sich über das Datum wundert, wird in „Dawn Song“ sogleich mit Allegorien zugeschüttet: Der erste Golfkrieg steht vor der Tür, die Supermacht USA zeigt ihr dämonisches Antlitz, indem es seine Bürger durch die seelenlosen Stimmen von CNN verblödet, nebenbei zu Mord aufruft, wenn die eigenen, dünnhäutigen Reservisten ungestraft durch Boston prügeln, um den „öligen Araberärschen“ auf den Straßen schon mal eins mitzugeben; außerdem befindet sich die Hauptfigur, der schwule Buchverkäufer Lawrence, in ständiger Angst vor Aids. Der Teufel, der Teufel. Es sind schlechte Zeiten, und es werden noch schlechtere Zeiten, schreit dieses Buch von jeder Seite – da wird dann auch gleich noch der Golfkrieg von 2003 vorweggenommen („Ein Opfer auf dem Altar, dem Dämon zu Ehren“). Nur erschöpft sich diese quasi-religiöse Geschichte sehr bald in einer überladenen und schwer durchschaubaren Sprache, die sich selbst genügt. Wir verabschieden uns deshalb über Weihnachten und ins neue Jahr mit einer Frage Maranos nach dem Leben im Jenseits: „Könnten nicht verfeinerte Vorstellungen von der Verdammnis dazu dienen, den Prozess der Verdammnis zu sublimieren, damit der Abstieg einer Seele zur Hölle nicht zu ihrer Vernichtung führt, sondern zur Transformation?“.

 
Michael Marano, „Dawn Song“, Suhrkamp, 572 Seiten, 14,90 Euro.

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