Bücher

Fußballbücher von Thomas Brussig und Ror Wolf

Ullstein BildÜber Fußball zu sprechen, erst recht zu schreiben, ist nicht leicht. Streng genommen sind es immer dieselben Mechanismen, dieselben Abläufe. Flanke, Schuss, Tor. Oder aktueller und flotter ausgedrückt: „Pfosten, in die Fresse, rein.“ Wer über Fußball redet, kann eigentlich nicht glänzen. Seine Sprache bleibt in eng abgesteck­ten Räumen. Tausende dröger In­terviews liefern den Beweis. Und doch, hin und wieder gehen die Kommentare zum Fußball in grandiose Höhen – und ebenso witzige Tiefen. Die Bandbreite der verbalen Hervorbringungen und Ausrutscher ist beträchtlich. Beispiel Heribert Faßbender: „Es steht im Augenblick 1:1, aber es hätte auch umgekehrt lauten können.“ Oder Paul Breitner: „Dann kam das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief’s ganz flüssig.“

Einer, der den Reiz des Phänomens Fußball auch in seinen sprachlichen Dimensionen früh erkannt hat, ist der 1932 geborene, heute in Mainz lebende Schriftsteller Ror Wolf. Bereits 1971 hat er mit „Punkt ist Punkt“ und 1980 mit „Die heiße Luft der Spiele“ eingefangen, was am Spiel­feldrand, am Reportermikro, in der Fankurve und am Stammtisch alles mit dem Mund ausgegossen wird. Fußball direkt, unmittelbar, unverfälscht, ohne doppelten Boden, ohne blöde Theorie und Me­tageschwätz. Furiose Sammlungen aus Collagen, Zitaten und Kurz­texten. Und einigen nicht ganz so hippen Gedichten. Beide Bücher, Fußballklassiker, gibt es nun als Kompilation in Neuauflage, Titel: „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“. Ein bisschen braucht es, um sich in dem polyfonen Werk zurechtzufinden. Doch dann trifft man eine Reihe alter Bekannter wieder. Fritz Walter, Pus­kas, Seeler, Müller, Overath. Und natürlich Ror Wolfs Liebling: die Eintracht aus Frankfurt. Außerdem mit im Spiel: die Schiedsrichter. Und zu den Herren in Schwarz gibt es Stimmen aus den Blöcken und Kurven, die die üblichen Nettigkeiten bereithalten: „ … muss er pfeife, das muss er pfeife, jawoll – was fürn Pfeifenkopp isn das Mensch Kerle da – Saukopp! – Was pfeift denn der?“

Ullstein BildWomit wir bei Thomas Brussig wären, der ein Buch über Schiedsrichter geschrieben hat, und dies mit viel Sachverstand. Was selten ist! Denn ärgerlicherweise haben oft nicht einmal TV-Kommentatoren das erforderliche Detailwissen. Und dazu gehört nicht nur die Kenntnis der Regeln, sondern auch, wie sie auszulegen und im konkreten Fall anzuwenden sind. Und in der Literatur? Sieht es oft genauso einsam aus. Selbst der Handke-Klassiker „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ ist kein Auskennerbuch. Brussig hingegen leistet schriftstellerische Pionierarbeit. Sein „Schiedsrichter Fertig“ ist ein sorgsam recherchiertes, wenn auch nicht unangreifbares Buch, das gekonnt mit überlieferten Sichtweisen spielt, wie: Schiedsrichter sind „blind“, „bestechlich“, „Wich­tigtuer“, diese Klischees spiegelt, hinterfragt, attackiert und anhand der Figur eines FIFA-Referees namens Fertig ein stimmiges Gegenbild entwirft, das in dem Satz gipfelt: „Man muss es sich hart erarbeiten, ausgepfiffen zu werden.“

Brussig reflektiert die Niederungen des Jobs, die Beleidigungsrituale des Publikums, die Erregungsmaschine Fußball und zeigt, was der gute Schiedsrichter vor allem auch ist: ein Spielgestalter, der sein Amt mit Charak­terstärke und „feinfühliger Virtuo­sität“ verrichtet.
Man merkt, dass sich Brussig Rat geholt hat bei einem renommierten Referee. Bei wem? „Welcher internationale, aktive Schieds­­richter mein Berater war“, antwortete Brussig, „werde ich nicht ausplaudern. Ich habe aber die Biografien von Merk und Collina gelesen, einige Gespräche mit Schiedsrichtern der nied­rigeren Spielklassen geführt und auch Interviews von Leuten wie Krug, Fandel und so weiter gelesen.“
„Schiedsrichter Fertig“ ist, sieht man von der disparaten Rahmenhandlung über Ärzte­pfusch ab, eine flotte Schrift mit zudem höchst vergnüglichen Passagen zum heutigen Kommunikationsirrsinn. Die perfekte Pausenlektüre für die EM.

Text: Andreas Burkhardt

Ror Wolf „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“, Schöffling & Co. 2008, 296 Seiten, 19,90 Ђ
Thomas Brussig „Schiedsrichter Fertig. Eine Litanei“, Residenz Verlag 2007, 92 Seiten, 12,90 Ђ

 

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