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Gary Shteyngart beim Literaturfest Berlin

Rainer-Sturm_pixelio.deWie schreibt man einen erfolgreichen Roman? Indem man den richtigen Stoff hat – und seiner Zeit um eine Nasenlänge voraus ist. Der New Yorker Gary Shteyngart (39, geboren in Leningrad) ist so ein Typ. Shteyngart hatte den richtigen Riecher. Sein dritter Roman „Super Sad True Love Story“, der im englischen Original 2010 erschien, hat die junge US-Literatur gehörig aufgemöbelt, indem er vorwegnahm, was plötzlich die Welt in den Abgrund zu reißen droht: den Börsen-Super-GAU. „Die Chinesen verscherbeln US-Staatsanleihen, und die USA ist bankrott“, fasst Shteyngart seinen Roman zusammen. Was „Super Sad True Love Story“ trotz aller Überzeichnungen so einzigartig und liebenswürdig macht, ist nicht die Prophetie allein, sondern der Mut zur Romantik in einer verdammt auf den Hund gekommenen Zeit.

Im Prinzip eine Woody-Allen-Romantik: urban, verträumt, antagonistisch, verquer. Und mit einem herrlich spinnerten und – natürlich auch das – depressiven Helden und Sexneurotiker voller Wortwitz: Lenny Abramov. Lenny lebt analog, ist ein „demütiger Tagebuchschreiber“, liebt klassische Literatur, gönnt sich während eines Rom-Aufenthaltes ein „entspanntes Masturbationsnickerchen“ und lernt unmittelbar darauf die junge Koreanerin Eunice Park kennen, die seine Tochter sein könnte. Das kann nicht gut gehen. Zumal Eunice digital tickt, abgefuckt ist und kaputt. Dazu die ganze Technik und der Terror: Amerika wird vom Großen Bruder (China) kontrolliert. Und von „Äppäräten“: ein Medium, das jeder mit sich trägt und das alle personenbezogenen Daten speichert inklusive „Fickfaktor“. Außerdem drohen Zusammenbruch und Bürgerkrieg.

Mit der düsteren Vision des US-Finanzruins hat Shteyngart bereits für enorm viele Schlagzeilen gesorgt. In Deutschland aber hat sein Psycho-Apokalypse-Buch erstaunlich viel Kritik geerntet. Es sei berechnend statt prophetisch, konstruiert statt fantasievoll, des Weiteren oberflächlich, pornografisch, voller Effekte. Kann man alles so sehen. Lässt man jedoch den Anspruch nach der ganz großen Utopie beiseite, so erhält man in jedem Fall eine ideenreiche Lektüre mit hohem Satirewert.

Text: Andreas Burkhardt

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

tip-Bewertung: Lesenswert

Gary Shteyngart: „Super Sad True Love Story“ Aus dem Englischen von Ingo Herzke, Rowohlt, 464 Seiten, 19,95?Ђ 

Lesung beim 11. Internationalen Literaturfestival Berlin Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Wilmersdorf,
Di 13.9., 20 Uhr

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