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Comicpreis

Gegen die Gleichförmigkeit: Die Zeichnerin Tina Brenneisen

Für ihren Comic „Das Licht, das Schatten leert“, in dem sie eine Totgeburt verarbeitet, erhielt Tina Brenneisen den Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung und hielt eine beeindruckende Dankesrede

(c) Tina Brenneisen

Comics zu machen, ganz unabhängig vom Thema, das darin behandelt wird, ist immer ein politischer Akt“, sagte Tina Brenneisen in ihrer Dankesrede Anfang Mai. Die Berliner Zeichnerin erhielt den diesjährigen Comicbuchpreis der Berthold Leibinger Stiftung. Es ist die höchstdotierte Auszeichnung der Branche, Brenneisen nutzte die Gelegenheit, um über die Gesamtsituation der Comiczeichner zu sprechen. Keine andere Tätigkeit sei derart „ineffizient und unwirtschaftlich“ merkte sie an, die Produktionszeiten hoch und die Auflagen gering. Und doch setzen sich Zeichnerinnen und Zeichner immer wieder an den Tisch und ringen sich Geschichte, Text und Bild ab. „Sie verweigern sich einem bestimmten System und einer bestimmten Denke“, ohne wirklich Rebellen sein zu wollen, sondern weil der Kulturbetrieb eine bestimmte „Gleichförmigkeit begünstigt“.

Das lässt sich über die nach dem Stuttgarter Unternehmer Berthold Leibinger benannte Stiftung nicht sagen. Schon im vergangenen Jahr ehrte sie mit Birgit Weyhes „Madgermanes“ ein ungewöhnlich schwieriges Werk. Weyhe widmete sich darin dem Schicksal mosambikanischer Gastarbeiter in der DDR. In diesem Jahr fiel die Wahl auf Brenneisens Comic „Das Licht, das Schatten leert“, in dem die Autorin eine Totgeburt verarbeitet. „Sie tut dies mit einer Schonungslosigkeit gegenüber sich selbst, die zunächst schockiert. Der anschließende Versuch, zurück in die Normalität zu finden, gestaltet sich dann ebenso quälend wie auch überraschend witzig in seinem Erfindungsreichtum“, heißt es in der offiziellen Begründung.

Aus insgesamt 78 Einreichungen entschied sich die Jury für die 1977 in Dresden geborene und in Berlin lebende Künstlerin, die zwar Psychologie und Philosophie studierte, aber als Illustratorin und Karikaturistin tätig ist. Den mit 15.000 Euro dotierten Förderpreis kann sie nutzen, um das auf 250 Seiten ausgelegte Buch fertigzustellen. Ohne darauf zu achten was Marketingleute in Verlagen darüber denken, die, so Brenneisen in ihrer Rede, immer genau zu wissen scheinen, „was Menschen lesen wollen und besonders, was man ihnen zumuten kann und was nicht“.

Die Tragödie einer Totgeburt ist tatsächlich harter Stoff, den vielleicht nicht jeder Leser vertragen wird, doch für Brenneisen ist es die Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen, die „den Tod nicht ausklammert, sondern dahin zurückholt, wo er hingehört, nämlich mitten ins Leben, mitten in unsere Gesellschaft“.
„Das Licht, das Schatten leert“ wird in seiner endgültigen Form vermutlich erst im kommenden Jahr erscheinen, bei welchem Verlag ist noch unklar. Wer sich aber für die Arbeit von Tina Brenneisen interessiert, sollte die Internetseite ihres kleinen Verlags Parallelallee besuchen. Dort findet man Informationen zu ihren früheren Veröffentlichungen, etwa die Comic-Erzählung „Die Hoodies“, in der in einem brandenburgischen Dorf Jugendliche in Kapuzenpullovern auftauchen und die Autorin die Art und Weise untersucht, wie wir mit Fremdheit umgehen. In ihrer Graphic Novel „Die Traumfabrik“ hingegen setzt sie sich mit einer Weltordnung auseinander, in der alle Ängste unter Kontrolle stehen und Träume aufgezeichnet und ausgewertet werden „eine utopische Erzählung über die Auswirkungen totaler Transparenz“. Brenneisen hat recht, wenn sie sagt, dass wer Comics macht politisch handelt. Sie tut es jedenfalls.

Tina Brenneisen wurde 1977 in Dresden geboren und lebt in Berlin. Sie ist Comiczeichnerin, Illustratorin und Autorin von Graphic Novels. Weitere Informationen finden Sie auf: www.parallelallee.de

Die komplette Dankesrede finden Sie hier

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