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Gerhard Henschel: „Bildungsroman“

Gerhard_Henschel_BildungsromanAnfang der 80er-Jahre. Helmut Kohl regiert das Land. An den Kiosken treibt die Entdeckung der Hitler-Tagebücher seltsame Blüten. Und die Jugend macht einen auf null Bock und no future und schreibt sich – immerhin – gelegentlich Briefe. In diesem bleiernen Fast-Nichts versucht sich auch Martin Schlosser, Held in Gerhard Henschels autobiografischer Schlosser-Saga, ein- und auszurichten. Schwer.

Wohin? Weg aus der elterlichen Einflusssphäre, weg aus der Piefigkeit Bielefelds, dem „Las Vegas Ostwestfalens“. Was zunächst nicht gelingt. Was tun? Bloß nicht studieren. Um dann genau das zu tun. Taxifahrerfächer wie Soziologie und Germanistik. Exemplarisch die Hörsaalszene: Während Schlosser, angewidert von all den „Studentenfressen“, auf Professor Jörg Drews wartet, gesellt sich eine rothaarige Schönheit zu ihm. Dann folgen Kaffeetrinken und eine Erektion. Die löst vieles in ihm aus. Literaturbetrachtungen, zum Beispiel über Joyce: „Fünf, sechs Sätze, und mir ging die Puste aus.“ Und wahre Gefühle. Vorstellungen von einem flotten Dreier an der Adria etwa.

Spätestens an Stellen wie diesen, und sie sind zahlreich, gewinnt man Henschels herrlich anspielungsreichen und satirischen „Bildungsroman“ lieb, der sich in allerlei öden Orten herumtreibt, um irgendwann im quirligen West-Berlin zu landen. Das trotz epischer Breite und gelegentlicher Plauderprosa. Denn Henschels Detailversessenheit, die an das Collagenhafte seines Vorbildes Walter Kempowski erinnert, liefert ein gelungenes Spiegelbild der damaligen Bundesrepublik samt all ihren Schief- und Schräglagen. Ob die Musik, die Literatur, das Kinoprogramm, die politischen Debatten der 80er – nichts kommt zu kurz.

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Man könnte den „Bildungsroman“ auch als Roadmovie mit angezogener Handbremse bezeichnen. Denn am Ende des nahezu 600 Seiten langen Buches sind wir gerade einmal zwei Jahre vorangekommen. Keine Frage also, Martin Schlosser wird uns auch noch in den nächsten Büchern des 1962 in Hannover geborenen Gerhard Henschel begegnen.

Text: Andreas Burkhardt

tip-Bewertung: Lesenswert

Gerhard Henschel: „Bildungsroman“ Hoffmann & Campe, 576 Seiten, 24,99 Ђ

Lesung: Literaturhaus Berlin, im Rahmen von 24 Stunden Buch, Fr 23.5., 20 Uhr

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