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Gernot Wolfram: „Das Wüstenhaus“

gernot_wolframEs hört nicht auf, noch Jahre später nicht. Wie könnte es auch? Der Tod ihrer Eltern. Die fremde Insel. Die Explosion. Die Fragen. Gibt es eine Schuld ohne Absicht? Ein Sinn im Zufall? Fragen, die in Gernot Wolframs zweitem Roman „Das Wüstenhaus“ Maja umtreiben, eine 23-jährige Frau, deren Eltern sechs Jahre zuvor bei einem Terror­anschlag in einer tunesischen Synagoge starben. Sie, das einzige Kind, war im Auto geblieben. Nun trifft sie jenen Mann, der ihrem Vater damals den Besuch der Synagoge nahegelegt hatte. Ohne den die Eltern noch leben würden, vielleicht. Einen Journalisten, zufällig im selben Urlaubshotel abgestiegen, beeindruckend in seiner Weltläufigkeit, Souveränität, Einfühlsamkeit. Ohne dass der Name Djerba überhaupt im Buch fällt, ist der reale Hintergrund klar: das islamistische Bombenattentat im Februar 2002, bei dem 21 Menschen umkamen. Die Sinnsuche im Unfassbaren, das ist das Faszinosum des Buches. Wie sie die Tochter aufwühlt, dann auch den Journalisten. Wie sie Spuren der Verwüstung freilegt, die keine Zeit zuwehen kann. Es geht nicht um Täter. Sondern um das, was die Tat mit Hinterbliebenen macht. Einmal sagt Maja: „Ich will nur endlich aufhören, an die Insel und diese drei Tage zu denken.“

Gernot Wolfram, 1975 im sächsischen Zittau geboren und abwechselnd in Berlin und im österreichischen Kufstein lebend, ist als Autor und Publizist bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Für einen Auszug aus diesem Roman erhielt er 2010 den Sylter Inselschreiberpreis. Ausgerechnet diese Kurzgeschichte „Die Begegnung mit dem Oktopus“ des Vaters, der insgeheim mit stiller Sehnsucht literarisch seinen Lehreralltag zu verdrängen sucht, will aber in ihrem verzweigten, subtextreichen Duktus nicht recht zur sonst nüchternen Sprache des Romans passen. Dabei streut Wolfram mit präziser Prosa immer wieder düstere Vorahnungen an die nahende Katastrophe ein. Kleine, wie zufällig dahingeworfene Sätze, die sich selbst subtil ihren Resonanzraum schaffen. So ist es etwa mit der Bluse, die Maja ihrer Mutter vor der Reise schenkt und die diese sorgsam in ihrem Handgepäck verstaut. Da steht dann lapidar: „Sie hat sie nie wieder getragen.“ Manchmal ruht das größte Grauen in den einfachsten Sätzen.

Text: Erik Heier

Foto: Jan Isachsen/Ullstein Bild-Israelimages; Christine Haage (Poträt)

tip-Bewertung: Lesenswert

Gernot Wolfram: „Das Wüstenhaus“ DVA, 224 Seiten, 19,99 Ђ

Buchpremiere beim Literarischen Salon von britta Gansebohm BKA-Theater, Mehringdamm 34, Kreuzberg, Mi 9.2., 20 Uhr

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