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Gilles Deleuze! Eine Comic-Trilogie würdigt den französischen Philosophen

Gilles Deleuze stirbt und unternimmt im Nachleben eine Reise ins Totenreich, wo er Kollegen wie Michel Foucault, Jacques Lacan und Roland Barthes begegnet. Jens Balzer, Schriftsteller und studierter Philosoph, und der Illustrator Martin tom Dieck arbeiten seit drei Jahrzehnten an ihrer Gilles-Deleuze-Trilogie. Kürzlich ist mit „Holy Deleuze!“ der dritte und abschließende Band erschienen und wird in einer Gesamtausgabe kurz vor Deleuzes 101. Geburtstag bei Modern Graphics in Prenzlauer Berg vorgestellt.

„Salut, Deleuze!“ (Reprodukt). Foto: Jens Balzer, Martin tom Dieck

Das Rhizom – Schlagwort des Poststrukturalismus

Es geht um Pilze. Das ist vielleicht nicht der erste Gedanke, der einem in den Kopf steigt, wenn es um Gilles Deleuze gehen soll. So hat der 1925 in Paris geborene Meisterdenker sich anfänglich der philosophiegeschichtlichen Auseinandersetzung gewidmet und arbeitete sich an seinen Vorgängern wie David Hume und Friedrich Nietzsche ab, später vereinte er sich mit dem Psychoanalytiker Félix Guattari zu einem der meistzitierten Philosophen-Duos seiner Generation. Ihre gemeinsamen Werke „Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie“ und vor allem „Tausend Plateaus“ lenkten die Philosophie in neue Bahnen. Darin analysieren die beiden soziale Phänomene, Machtstrukturen und Denkmuster und entwickeln Erklärungsmodelle, denen sie das Rhizom zugrunde legen. In der Biologie bezeichnet das Wort unterirdische, fadenförmige Geflechte von Pilzen beziehungsweise Pflanzen. Bei Deleuze und Guattari wurde das Rhizom zum zentralen philosophischen Begriff der Wissensorganisation und Weltbeschreibung und zum Schlagwort des Poststrukturalismus.

Diesen komplexen Ideen und Pilzgeflechten verschreiben sich also der als Popkritiker bekannt gewordene Jens Balzer und sein zeichnender Kollege, der Professor für Illustration an der Folkwang Universität der Künste Martin tom Dieck. Seit 30 Jahren arbeiten sie – wohlgemerkt mit vielen langen Unterbrechungen – an den drei Comic-Bänden zu Deleuze. Eine bebilderte Übersetzung der philosophischen Erkenntnisse oder eine illustrierte Biografie des 1995 verstorbenen Franzosen interessierte sie nicht. Zurecht, möchte man sagen, gehen solche Unterfangen oft schief oder fühlen sich in der Rezeption hölzern und pädagogisch an. Die Deleuze-Trilogie, bestehend aus den Bänden „Salut, Deleuze!“, „Neue Abenteuer des unglaublichen Orpheus“ und „Holy Deleuze!“, lässt den Denker erst einmal sterben – oder besser: Er ist schon tot, bevor es losgeht. Dann beginnt eine abenteuerliche Fahrt durch die Unterwelt.

„Salut, Deleuze!“ (Reprodukt). Foto: Jens Balzer, Martin tom Dieck

Wie in Dante Alighieris „Göttlicher Komödie“ unternimmt der Held eine posthume Reise; der Fährmann, der Fluss, allerlei Allegorien und mystische Metaphern begleiten den Todestrip. Die Dialoge sind klug und lakonisch, absurd und banal. Es gibt keine Grenzen, nur den Flow an den Ufern des Lethe, des Flusses des Vergessens. Sprechende Tiere und antike Heldinnen erscheinen, eine Wunschmaschine wird gebaut, und die berühmten Philosophen und Psychologen, die zuweilen in Form von Osterinsel-Figuren daherkommen, erscheinen als Stichwortgeber und dialektische Brückenbauer in wichtigen Nebenrollen. Doch das wird alles zu viel. Schritt für Schritt zieht sich Deleuze zurück, bis er schließlich allein in seiner Höhle verweilt, vertieft in die Zucht von Rhizomen und Pilzen. Werden die Anderen am Ende aller Tage den Weg zurück zu seiner Freundschaft finden?

All das fängt Martin tom Dieck mit schattigen Aquarellen ein: Schwarz und Weiß, wenig Grau dazwischen, düstere Kontraste, ganzseitige Formen, wenige Details. Die Bilder und Figuren zielen stets auf den Kern des Gedankens ab. Ein illustrativer Sog entsteht, lässt man sich auf das Abenteuer ein. Die Lektüre des Originalstoffes ersetzt diese Arbeit nicht – das soll sie gar nicht –, sie erweitert das deleuzesche Spektrum um eine weitere Komponente. Ein waghalsiges Projekt, das nun seinen Abschluss gefunden hat und als gelungen bezeichnet werden sollte. Der renommierte Comic-Kritiker Andreas Platthaus resümierte in seiner Besprechung in der „FAZ“, in der er auch die langwierige Entstehungsgeschichte der Trilogie, an der er selbst beteiligt war, offenlegt: „Was diesen ‚Sammelband‘ indes besonders bemerkenswert macht, ist nicht nur die inhaltliche Kontinuität oder die Qualität des Einbezugs von Deleuzes Gedanken (und denen seiner Begleiter in der Unterwelt) in einen Comic-Zyklus, sondern auch dessen ästhetische Vielfältigkeit.“

„Salut, Deleuze!“ (Reprodukt). Foto: Jens Balzer, Martin tom Dieck
  • Im Reprodukt-Shop bei Modern Graphics stellen Jens Balzer und Martin tom Dieck am Freitag, den 16. Januar, um 19.30 Uhr ihr Buch „Salut, Deleuze!“ vor und lesen mit verteilten Rollen aus ausgewählten Passagen.
  • Reprodukt bei Modern Graphics Kastanienallee 79, Prenzlauer Berg. Um Voranmeldung wird gebeten: [email protected]

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