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Glücksmaschinen

Weihnachtszeit ist nicht nur die Zeit der Glühweinbuden. Sondern auch die Zeit der blinkenden und scheppernden Kirmeskarussels. Was hat der Krach mit dem Weihnachtsmann zu tun? Nichts. Aber über den Rummel nachzudenken lohnt sich. Der von Sacha Szabo herausgegebene Reader „Kultur des Vergnügens“ beleuchtet die Welt der Fahrgeschäfte vom 18. Jahrhundert bis heute. Der Rummelplatz bietet Vieles: die Chance, vor anderen Stärke zu beweisen; außerdem das „technische Generieren von Emotionen durch kinetische Energie“, sprich: Rauschgefühle, Transzendenzerfahrungen durch Geschwindigkeit.

 
Eine der ersten Achterbahnen war der „Automobilflug“ von 1906, bei dem man, bei den heutigen Sicherheitsvorkehrungen undenkbar, mit einem Gefährt nach einer Rampenfahrt 15 Meter durch die Luft flog. Für den Erfolg des Auto-Scooters wiederum hat der im Sammelband interviewte Achterbahn-Ingenieur Wolfgang Stengel eine einfache Erklärung: „Da fahren Leute mit, die noch keinen Führerschein haben.“ Die Skooter waren früher eine gefährlichere Angelegenheit als die Achterbahn. Denn beim Funkensprühen an den Stromnetzen oben fielen oft Zinktropfen herab – „die Augenärzte im Bereich der Festplätze hatten alle zu tun.“  Etwas ruhiger, aber gesellschaftlich nicht minder relevant war das einfache Kreiskarussell um 1900: Heute mit seinen Verzierungen und Malereien eher eine mobiles Kunstmuseum, bediente es als „Imaginationsmobil“ die Träume einer Art Reisegruppe, in der sich Menschen jedes Alters, Geschlechts und Standes gemeinsam und mit viel Schwung in andere Welten hineinträumten. Der Drehschwindel erzielt dabei ähnliche Glücksgefühle wie die bis heute in verschiedenen Kulturen durchgeführten Trance-Tänze.
 
Die Betreiber von Fahrgeschäften haben es heute immer schwerer, der Umsatz bricht allerorten ein. Das Blinken und Hupen ihrer Karussells ist ein Hilfeschrei.

Sacha Szabo (Hrsg.), „Kultur des Vergnügens: Kirmes und Freizeitparks – Schausteller und Fahrgeschäfte. Facetten nicht-alltäglicher Orte“, Transcript, 331 Seiten, 29,80 Euro.

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