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Graben unter der Grenze

Fluchttunnel nach West-Berlin

Gerade erst zelebrierten Politik, Kultur und Gesellschaft dieser Tage das 25-jährige Jubiläum der Friedlichen Revolution. Dabei rückt noch einmal das komplette Drama der deutsch-deutschen Teilung in den Vordergrund. Eines seiner Kapitel, die sogenannte Fluchtaktion „Tunnel 57“, jährt sich bereits zum 50. Mal. Im Herbst 1964 gelang es einer Gruppe von Studenten, 57 Menschen durch einen Tunnel aus Ost- nach West-Berlin zu führen. In der Gedenkstätte Berliner Mauer erinnert derzeit die Fotoausstellung „50 Jahre Tunnel 57“  daran.
Die Franzosen Olivier Jouvray und ­Nicolas Brachet nutzten diese Ereignisse als dramaturgische Vorlage für ihren Comic „Fluchttunnel nach West-Berlin“. Von einer geschlossenen Bäckerei im Westen graben die Freunde Tobias und Mathias mit einigen Kommilitonen einen Tunnel nach Ost-Berlin, um Tobias’ Schwester Hanna rüberzuholen. Das klingt einfacher, als es ist. Denn zum einen erfordert der Bau eines 150 Meter langen Tunnels vor der Nase der DDR-Grenzschützer ein hohes Maß an Einfallsreichtum und Planung und zum anderen beobachtet der Vater der getrennten Geschwister – ein glühender Verfechter des Sozialismus – die Verbindung mit Argusaugen.
Das Schwierige bei der Umsetzung historischer Stoffe sei, die Geschichte nicht zu verraten, erklärt Jouvray. Deshalb haben sich die Franzosen für eine Melange aus zahlreichen Tunnelhistorien entschieden. Sie wollten nicht bloß nacherzählen, sondern eine Idee der damaligen Verhältnisse vermitteln.
Das gelingt dem Zeichnerduo zwar weitgehend, es bleibt aber sehr nah an der historischen Vorlage. Das wäre, trotz existierender Verfilmung, nicht tragisch, wenn sie die Möglichkeiten des Comic-Genres ausgeschöpft hätten. Etwa indem sie die parallelen Ereignisse über und unter der Erde in einem Bild zeigen oder den vom Plan abweichenden Tunnelverlauf unter dem Grenzstreifen abbilden würden. Sie hätten die Ängste und Konflikte der handelnden Personen stärker ausarbeiten oder eine dramatische Zuspitzung konstruieren können, um den historischen Fakten noch etwas hinzuzufügen. All das lässt dieser traditionell gezeichnete Band jedoch vermissen, der nur brav illustrierte Geschichte ist.

Text: Thomas Hummitzsch

Foto: Olivier Jouvrays & Nicolas Brachets, Avant

Fluchttunnel nach West-Berlin von Olivier Jouvray & Nicolas Brachet, Avant-Verlag, ?56 S., 19,95 Euro

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