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Graphic Novel zum 60. Jahrestag des Arbeiteraufstands in der DDR

Kitty-KahaneAuf Kitty Kahanes Zeichentisch liegen Ausdrucke alter Fotos neben zarten Bleistiftzeichnungen. Die grotesk überzeichneten Charaktere übernehmen die Haltungen der Personen auf den Fotos. Es sind Auszüge aus einer Graphic Novel, die die Berliner Künstlerin gemeinsam mit dem Autorenteam Alexander Lahl, Tim Köhler und Max Mönch verwirklicht hat: „17. Juni 1953 – Die Geschichte von Armin und Eva“. Zum 60. Jahrestag des Arbeiteraufstandes in der DDR wird sie jetzt im Tränenpalast vorgestellt.

Kitty Kahane ist eine zierliche Frau um die 50 mit feinen Zügen, zurückgesteckten Haaren und neugieriger Miene. Eigene Gemälde zieren die Wände ihres Ateliers in Prenzlauer Berg, in einem Buchregal sind ihre Werke aufgereiht. Als Illustratorin hat sie ihren Stil in vielen Genres erprobt – von neu erzählten Bibelgeschichten für Kinder über „Kittys BerlinKochbuch“ hin zu „Berliner Typen“. Eine Graphic Novel ist für sie jedoch etwas Neues. Vorbilder hat sie keine, bewundert aber den Künstler Saul Steinberg ebenso wie die Comics von Hergй, Art Spiegelmans „Maus“ oder Robert Crumbs „Genesis“.
„Das Projekt ‚17. Juni‘ ist spontan entstanden“, erzählt Kitty Kahane nicht ohne Stolz, „erst vor einem knappen halben Jahr haben wir es der Landeszentrale für politische Bildung in Brandenburg vorgeschlagen.“ Die Idee sei gewesen, Jugendliche in einem zeitgemäßen Medium an die Ereignisse vom 17. Juni 1953 heranzuführen: mit einer Graphic Novel.
„Kapitelweise, als Fortsetzungscomic, sollte die Geschichte ins Internet gestellt werden“, sagt Kitty Kahane. Als während
des Arbeitsprozesses obendrein der Metrolit ­Verlag Interesse zeigte, das Projekt als Buch herauszubringen, war das ein weiterer ­Motivationsschub für das Team.

Aus vielen Schauplätzen der Aufstände wählten die drei Autoren das Stahlwerk Hennigsdorf aus, dessen protestierende Belegschaft am 17. Juni  durch Westberlin in die DDR-Hauptstadt marschierte. Dem Gulag im sowjetischen Workuta kam eine weitere wichtige Rolle zu. Kitty Kahane zeichnete dann ein Storyboard, die Autoren ergänzten die Dialoge: „Nun erst konnte ich beginnen, den eigentlichen Comic zu zeichnen, unter Verwendung von viel historischem Bildmaterial“, sagt sie.
Dabei legte sie Wert darauf, dass die Details stimmen – der Kleidung, der russischen Uniformen etwa, aber auch der Schauplätze, etwa des Cafй Kranzler oder des U-Bahnhofs ­Dimitroffstraße. Verschachtelt erzählt, aus der Sicht diverser Charaktere, werden in der Graphic Novel die historischen Ereignisse beleuchtet. Im Mittelpunkt steht Armin, ­Brigadeleiter in Hennigsdorf, dessen Freundin Eva in Westberlin lebt und der nach dem niedergeschlagenen Arbeiteraufstand vom 17. Juni spurlos verschwindet. Die verzweifelte Eva überredet ihren Vetter Eddie, einen Journalisten, nach Armin zu suchen. Fast 40 Jahre später klingelt ein greiser Mann an Evas Tür, um ein Versprechen einzulösen, das er vor langer Zeit gegeben hat: in Workuta.

Eingeflochten in die Erzählung sind dokumentarische Texte, die das wesentliche Hintergrundwissen vermitteln. Kitty Kahane gelingt es dabei, mit ihrem spontan wirkenden Strich die Zeit der 50er-Jahre in Berlin leichthändig einzufangen. Schon nach wenigen Seiten verspürt der Leser – mit Eddie den russischen Sektor betretend – ein diffuses Gefühl der Bedrohung. Matte Blautöne als Hintergrundfarben tragen dazu bei.
Kitty Kahanes Zusammenarbeit mit Alexander Lahl, Tim Köhler und Max Mönch scheint jedenfalls sehr gut gewesen zu sein – offenbar gibt es schon eine Idee für ein neues Projekt. Wieder eine Graphic Novel?
Da schmunzelt Kitty Kahane verschwörerisch.  

Text: Ralph Trommer

Foto: Leon Kahane

Kitty Kahane, Alexander Lahl, Max Mönch, Tim Köhler: „17. Juni – Die Geschichte von Armin und Eva“
Metrolit, 112 Seiten, 15,99 Ђ

Buchpremiere
Tränenpalast, Reichstagufer 17, Mitte,
Mo 17.6., 20.30 Uhr

 

Übersichtsseite Kultur und Freizeit in Berlin

 

 

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