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Gregor Sander: „Was gewesen wäre“

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Assi. Das ist schon mal kein anheimelnder Spitzname. So nannte man in der DDR Leute, die nicht arbeiten wollten. Asoziale. Assis. Komisch, dass der 1968 in Schwerin geborene und in Berlin lebende Gregor Sander, der die Verwerfungen der späten DDR doch seinen Erzählungen („Winterfisch“) und seinem bislang einzigen Roman („Abwesend“) so beharrlich einschreibt, diese in die Irre führende Assoziationsvariante zulässt, als er der einen Hauptfigur seines neuen Romans, Astrid Wolter, den Spitznamen Assi gibt. Assi, 17, die an einem luftigen Sommertag durch den Wald schreitet mit ihrer besten Freundin Jana. Zwei Neubrandenburger Provinzmädchen mit frisch gewaschenem Haar auf dem Weg zu einer Party der Ost-Berliner Kunstboheme, in einem Haus nahe der Ostsee. Dort werden sie auch Julius Herne treffen, Gitarrist einer ruppigen Punkband, und seine Mutter Katharina, eine Künstlerin, die in der DDR nicht mehr ausstellen darf. Jana hat einmal mit Julius geschlafen. Assi wird ihm für immer verfallen.

25 Jahre und einen Mauerfall später, Astrid ist Kardiologin, zweifache Scheidungsmutter und mit ihrem neuen Freund Paul, der ein paar Kilos  zu viel an sich und ein paar Trennungen zu viel hinter sich hat, im rustikalen Budapester Gellйrt-Hotel abgestiegen. Plötzlich sitzt da Julius mit seinem Bruder Sascha, der im Westen aufwuchs, beim Vater. Und all die Geschichten von Liebesrausch, von Trennungsschmerz, von Grenzwechseln, von vielerlei Verdacht, mancherlei Verrat – sie sind plötzlich wieder da. Als wären diese Dinge nie Vergangenheit gewesen.

Vieles an diesem zweiten Roman von Sander ist bemerkenswert. Wie er oft mit einem einzigen Satz, einem raffinierten Schwenk die Zeiten wechselt. Oder dass er die DDR-Zeit-Rückblenden aus Astrids Ich-Perspektive erzählt, die Budapest-Jetztzeit-Passagen aber sich selbst als Erzähler überlässt. Doch verhindert diese Konstruktionsakribie gleichzeitig auch, dass man mit Assi, Paul, Julius, Jana mitlachen, mitweinen, mitbangen, mitwüten möchte. So viel Nähe lassen diese Figuren in Sanders hermetisch konstruierter Versuchsanordnung nicht zu. Man hat sie irgendwann begriffen. Doch von ihnen ergriffen ist man nicht.

Text: Erik Heier

tip-Bewertung: Annehmbar

Gregor Sander: „Was gewesen wäre“ Wallstein Verlag, 236 Seiten, 19,90 €

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