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Hanif Kureishis „Das sag ich Dir“

KureishiDass Literatur und Psychoanalyse miteinander verwandt sind, ist nichts Neues. Freud analysierte literarische Figuren ebenso selbstverständlich wie reale. Thomas Manns „Zauberberg“ und die Novellen Arthur Schnitzlers wären ohne Freuds Einblicke in die menschliche Seele schlicht undenkbargewesen. „Ohne Leit kein Freud“ kalauerte Woody Allen bereits in seinen frühen Short Storys. Zumindest Letzterem fühlt sich Hanif Kureshi, Autor der Drehbücher für „Mein wunderbarer Waschsalon“ und „Intimacy“ sowie des Romans „Der Buddha aus der Vorstadt“, gewiss geistig verbunden. Ein Hang zu liebevoll überzeichneten Skurrilitäten und aus dem Boden sprießenden Großstadtneurosen ist bei beiden unübersehbar.

Jamal Khan, die Hauptfigur in Kureishis neuem Roman „Das sag ich dir“ ist Halbpakistani wie Kureishi. Eigentlich könnte der Fünfzigjährige ein ruhiges Leben als arrivierter Analytiker führen, wären da nicht: Schwester Miriam, eine gepiercte, tätowierte, esoterisch-exzentrische Mittfünfzigerin, die ihren Lebensunterhalt mit krummen Geschäften verdient, Freund Henry, ein berühmter Theaterregisseur in der Krise, die ehemalige Geliebte Ajita und eine Leiche im Keller. Henry verknallt sich in Miriam und erlebt mit ihr seine zweite sexuelle Revolution, Jamals erste Liebe taucht wieder auf und gesteht ihm ihre niemals erloschene Leidenschaft und Jamals Mutter hat eine „Gefährtin“ gefunden, mit der sie nun – zu Schwester Miriams Ärger – ihr Geld verprasst.

Leider erscheinen die Charaktere entweder bis zur Unglaubwürdigkeit karikiert oder – wie die Hauptfigur – blass und eindimensional. Die altersmilden Rückblicke in die wilde Studentenzeit sowie die Beschreibungen eines Multi-Kulti-Londons kennt man zur Genüge. Die im Text auftauchenden Freud-Zitate klingen eher angelesen als verinnerlicht. Und die Einsicht, dass Drogen und ungezügelte Ausschweifungen einen letztlich zugrunde richten, ist wenig sensationell. Der dreiundfünfzigjährige Hanif Kureishi wollte einen großen Gesellschaftsroman über seine Generation schreiben und scheiterte vor allem daran, dass er keine tragende Geschichte entwickeln konnte. So stehen gute Beobachtungen und amüsante Beschreibungen neben sehr viel Leerlauf in einem allzu langen Roman.

Text: Ralph Gerstenberg

Hanif Kureishi: „Das sag ich dir“

S. Fischer Verlag, 510 Seiten, 19,90 Ђ 

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