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Hans Falladas ?“Der Trinker“ als Graphic Novel

Hans Falladas ?

Sommer 1944, der Krieg wütet über Europa, die Nazis steuern auf ihren Untergang zu, und in einer düsteren Zelle der mecklenburgischen Haftanstalt Neustrelitz-Strelitz sitzt der berühmte Autor gefeierter Werke wie „Kleiner Mann – was nun?“ und „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“: Hans Fallada. Kurz zuvor scheiterte die Ehe des 51-jährigen Literaten, drogenberauscht schoss er im Streit mit einer Pistole um sich. Da sich seine Ex-Frau ebenfalls in dem Raum aufhielt und wohl Grund des Schusses war, wurde er, obwohl die Gattin heil blieb, wegen versuchten Totschlags verurteilt. Zermürbt und gedemütigt begann Fallada im Gefängnis zu schreiben. Heimlich. ?Er verarbeitete in der Figur des Kleinbürgers Erwin Sommer seine persönliche Krise und die Morphium- und Alkoholsucht, die ihn und die Ehe zerstörte.
Ein finsterer Stoff, den sich der Berliner Illustrator Jakob Hinrichs vorgenommen hat. Normalerweise lebt er von Aufträgen für ?renommierte Zeitungen wie „New York Times“, „Boston Globe“ oder den „Guardian“. Doch seine Leidenschaft für die Literaturgeschichte und hier speziell die deutschsprachige, brachte ihn zur längeren Form der Graphic Novel. Vor drei Jahren hat er bereits Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“  meisterhaft in eine Bilderzählung übersetzt.
Falladas Roman „Der Trinker“, der 1950 drei Jahre nach dem Tod des Autors erschien, begreift er als Ausgangspunkt für eine freie Adaption. Seine grellen, geradezu holzschnittartigen Bilder schaffen einen grafischen Bogen vom Expressionismus der Vorkriegszeit zur modernen Comicsprache. Hinrichs tauchte in Falladas Abgründe ab, er reiste an die Orte des Geschehens, studierte die Biografie des Autors und verknüpfte sie mit der eigentlichen Handlung.
So entstand ein wunderbar verstörendes Buch, in dem sich der Kampf des Menschen gegen die Sucht aufs Neue entfacht. Hinrichs gelingt es, die abwärts führende Spirale der Existenz gekonnt einzufangen und Falladas unter dramatischen Umständen verfasstes Spätwerk gebührend zu würdigen.

Text: Jacek Slaski

Der Trinker illustriert von Jakob Hinrichs nach einem Roman ?von Hans Fallada, Metrolit, 160 S., 25 Euro

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