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Hans-Ulrich Treichel: „Endlich Berliner!“

Treichel(c)JeBauerUm dem Bund zu entgehen, kam Hans-Ulrich Treichel 1971 aus Bielefeld nach Berlin. Für ihn „die größtmögliche evolutive Abkürzung“, die es gab: „Vom Ostwestfalen zum Westberliner! Aus der Steinzeit in die Gegenwart. Aus dem Neandertal an die Freie Universität.“ Nur folgerichtig, dass sein neues Buch den euphorischen Titel „Endlich Berliner!“ trägt. Es versammelt aus 30 Jahren fast ebenso viele Texte. Essays, Artikel, Glossen, Gedichte, Erzählungen sowie Ausschnitte aus dem Roman „Grunewaldsee“ (2010). „Solange ich schreibe, habe ich immer auch über Berlin geschrieben.“ Vielleicht liegt es ja an der ostwestfälischen Herkunft, dass sein Buch so sympathisch uncool ist. Überhaupt nicht aufschneiderisch. Wohltuend unspektakulär. Der 1952 geborene Treichel will nicht um jeden Preis lustig sein. Und das ist gut so. Unbefangen erzählt er von heruntergekommenen Wohnungen in Kreuzberg, in denen sich „Armut simulieren“ ließ, „wenn man als Student aus mittelständischem Elternhaus kam“. Von Außentoiletten mit „namentlich gekennzeichneten Klopapierrollen“, weil vier Mietparteien sie nutzten. Oder von seiner akademischen WG in Schöneberg, in der sich nur wohlfühlte, wer nach dem Abschluss die Doktorarbeit „nicht wenigstens plante“.

Wenn ihm an der Mauer die Grenzsoldaten der DDR mit dem Fernglas zusehen, wie er seine Post zum Briefkasten bringt, fühlt sich sogar der geschichts- und beinahe ichlose Ostwestfale „lebendig und zeitgeschichtlich präsent“. Trocken erzählt Treichel unter anderem von den Nicht-Begegnungen mit Bruno Ganz und Otto Sander in der Theaterkantine, als er während der Semesterferien an der Schaubühne jobbt. Oder wie er die Neuen Wilden in der Paris Bar lediglich von außen durch die Scheibe sieht, weil das Etablissement ihm „zu voll und zu schick und zu prominent besetzt“ war. Es sind keine anspruchsvollen Texte. Vielmehr liebenswerte Notate und Milieustudien ohne Verklärung. Wenn Treichel etwa die Tütchen erwähnt, mit denen Hundebesitzer die Exkremente ihrer vierbeinigen Laster aufsammeln – um sie dann im Grunewald an Zäune zu hängen: „Auf Augenhöhe sozusagen. Da sehnt man sich dann nach Bielefeld. Packt aber trotzdem nicht seine Koffer. Einmal Berlin, immer Berlin.“

Text: Welf Grombacher

Foto: Jerry Bauer / Suhrkamp Verlag

tip-Bewertung: Lesenswert

Hans-Ulrich Treichel: „Endlich Berliner!“ Insel Taschenbuch, 170 Seiten, 8,99 Ђ

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