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Hansjörg Schertenleib: „Cowboysommer“

christianiaHanspeter lernt Schriftsetzer und legt Textzeilen von Leonard Cohen und Jim Morrison, aber auch von Theodor Storm in Bleilettern auf Fenstersimsen und öffentlichen Toiletten aus. Da ist eben schon dieser Ausdrucksdrang, aber noch nicht die Fähigkeit, eigene Kunst zu erschaffen. Das wird erst anders, als er seine Welterfahrungen gemacht hat und so vom Kind zum Mann reift. Auf einer Skandinavienreise lebt er für ein paar Tage im dänischen Freistaat Christiania, schläft mit einem Mädchen und wird dann Zeuge, wie die Staatsmacht das Hippie-Dorf stürmt. So initiiert ins erwachsene Leben, schmeißt er zuallererst mal seine Bleiletter weg. Derweil probt sein Freund Boyroth zu Hause den Aufstand. Er kauft sich ein Motorrad, obwohl er noch gar keins führen darf, und auf der Flucht vor der Polizei verunglücken dessen Schwester und ein anderer Freund tödlich. Diese beiden kontrastierenden Adoleszenz-Verläufe liefern dem in Irland lebenden Schweizer Schertenleib eine schöne Anzahl menschlicher Grundkonstellationen. Vom ersten Sex bis zur Beerdigung eines guten Freundes hat er hier alles drin – und er weiß das auch so zu beschreiben, dass man seinen Figuren ziemlich nahekommt.

„Die Geschichte, die ich in diesem Buch erzähle“, schreibt Schertenleib im Vorwort des Romans, „ist tatsächlich passiert, allerdings ganz anders. Da ich mich auf meine Erinnerungen verlassen musste, ist sie ohnehin erfunden.“ Aber gelegentlich hat man dann doch den Eindruck, dass sich die Erfindung der Suggestionskraft der eigenen Erinnerung beugen musste. Mitunter erzählt er Nebengeschichten, die Schertenleib offenbar wichtig sind, aber eben nicht im Kontext dieser Fiktion. Vor allem der lange Schluss-Appendix, in dem der Erzähler die späte Aussöhnung und das traute Zusammensein mit dem Vater ausführlich schildert, wirkt angehängt, unmotiviert. Es sind solche kleinen Ungereimtheiten, die verhindern, dass aus diesen empathisch-anrührenden Jugenderinnerungen, in denen die mittleren Siebziger sehr plastisch und farbig auferstehen, das große Buch wird, das es hätte werden können.

Text: Frank Schäfer
tip-Bewertung: Lesenswert

Hansjörg Schertenleib: „Cowboysommer“ Aufbau Verlag, 244 Seiten, 19,95?Ђ

Lesung
Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1, Charlottenburg, Do 16.12., 20.30 Uhr

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