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Heike Blümner und Jackie Thomae über ihr Buch „Let‘s face it“

thomae_bluemnertip: Der Wunsch, jung auszusehen, kann kuriose Folgen haben –  zum Beispiel, wenn Eltern genauso gekleidet sind wie ihre Kinder. Sie nennen das „die neuen Waltons“.

Thomae:?Ja, eine Familie kann sich heute komplett gleich anziehen. Das fängt an bei den Eltern, die Fleecemützen und Rucksäcke tragen, als hätten sie sich für einen Schulwandertag zurechtgemacht…
Blümner:­?…und dann gibt es aber auch das Phänomen, dass kleine Kinder in den gleichen Röhrenjeans und Schals und Marken-T-Shirts rumlaufen wie ihre Eltern und alle aussehen wie Mitte-Klone.

tip: Beides liegt ja an den Eltern, nicht an den Kindern.

Blümner:­?Natürlich, beides liegt an den Eltern. Mit dem Ergebnis, dass man heute kaum noch an der Kleidung erkennen kann, wie alt jemand ist. Für Jugendliche wird es deshalb immer schwieriger, sich über die Klamotten von ihren Eltern abzugrenzen oder sie gar zu provozieren.

tip: Vielleicht müssen sich Jugendliche heutzutage auch gar nicht mehr so sehr von ihren Eltern abgrenzen.

Blümner:­?Ja, heute sagen 90 Prozent aller Kinder, dass sie sich gut mit ihren Eltern verstehen. Das klingt doch phänomenal harmonisch. Jetzt gibt’s natürlich Leute, die sagen: Die Jugend ist total matt und rebelliert nicht mehr. Auf der anderen Seite kann man auch sagen: Ist doch schön, anscheinend sind die Eltern heute einfach netter.

Thomae:?Diese unglaublichen Graben­kämpfe gibt es heute nicht mehr. Es herrscht Frieden, denn die Kinder dürfen mitbringen, wen sie wollen, hören, was sie wollen und anziehen, was sie wollen. Das heißt aber auf keinen Fall, dass die Kinder den Altersunterschied nicht spüren oder ihre Eltern nicht an bestimmten Punkten peinlich, fürchterlich angezogen oder einfach nur langweilig finden.

Blümner:?Es gibt einfach auch viel mehr kulturelle Schnittstellen. Eltern kennen die Filme und die Musik, die ihre Kinder gut finden. Und die Kinder können im Plattenregal ihrer Eltern wühlen und da etwas finden, was ihnen gefällt. Das war früher anders. Wenn wir mit den Leuten gesprochen haben, die in den 50er und 60er-Jahren groß geworden sind, war die Kluft zwischen Eltern- und Kindergeneration immer ein Riesenthema: Damals waren Eltern oft konservativ und total verspannt, auf jeden Fall aber Leute mit einem ganz anderen Weltbild. Die nachrückende Generation hockte auf einem anderen Planeten und fühlte sich total eingeengt. Das ist vorbei.

tip: Ein paar der besten Rocksongs sind durch die Auflehnung gegen die Eltern entstanden. Das fällt dann wohl jetzt alles weg.

bluemnerBlümner:?Aber es wird ja trotzdem nach wie vor gute Musik gemacht, vielleicht mit einem anderen Gestus. Es ist schließlich nicht so, dass es keine guten Songs mehr gibt, nur weil die Kinder ihre Eltern heute größtenteils okay finden.

tip: Noch mal zurück zum erfolgreichen Altern. Der Gerontologe Cornel Sieber sagt in Ihrem Buch, dass es naheliegender wäre, nicht gegen das Alter zu arbeiten, sondern mit dem Alter. Warum ist das eine Erkenntnis, die sich – so schreiben Sie es jedenfalls – in Deutschland bis jetzt nicht durchgesetzt hat?

Blümner:?Die Gerontologie ist ein Fachbereich, der in Deutschland noch nicht so weit ist wie zum Beispiel in der Schweiz oder in Skandinavien. Sie betrachtet Krankheiten auch unter dem Aspekt des Alters und behandelt einen älteren Patienten anders als jemanden, der 30 oder 40 ist. Bei bestimmten Krankheiten spielt das Alter nämlich eine ganz entscheidende Rolle. Wenn man alle Patienten gleich behandelt, werden unter Umständen altersbedingte Krankheiten oder Nebenwirkungen von Medikamenten nicht erkannt. In Deutschland kann man auf diesem Gebiet  keinen Facharzt machen, man muss dazu ins Ausland gehen.

tip: Eigentlich erstaunlich, wo es doch so viele alte Leute hier gibt.

Blümner:?Eben, und es wird ja immer mehr alte Leute geben und damit auch einen immer größeren Bedarf an Medizinern, die sich auf die Krankheiten alter Menschen spezialisiert haben und auf deren Bedürfnisse eingehen können. Welche Medikamente bekommen alte Menschen? Wie geht man um mit alten Leuten, die aus der Narkose aufwachen, und dann kommen traumatische Erfahrungen hoch? Cornel Sieber, der selber Schweizer ist, sagt, dass Deutschland auf diesem Gebiet früher ein Entwicklungsland war; heute ist es auf dem Stand eines Schwellenlandes.

tip: Ist es ein Fehler, das Alter immer nur im Verhältnis zur Jugend zu sehen?

Blümner:?Wenn ältere Leute mit allen Mitteln versuchen, jung auszusehen, dann geht es oft daneben. Stichwort: plastische Chirurgie. Stichwort: Leute, die sich in allzu jugendliche Klamotten zwängen.

tip: Aber wo fängt es an, affig zu werden oder lächerlich?

Thomae:?Das ist eine interessante Frage, die nur individuell zu beantworten ist. Wir haben es heute mit der ersten Generation von alten Leuten zu tun, die ihre Jugendkultur weiter ausleben. Sie machen einfach weiter, und es gibt keine Regeln, irgendwem zu diktieren, wann er mit etwas aufhören sollte und vor allem warum. Bei öffentlichen Jungbleibern ist das ihr Job und den machen sie gut, und andere Leute möchten denen dabei zusehen. Es gibt keinen Grund zu sagen: Oh, Mick Jagger, Sie sind jetzt zu alt, Sie sollten das nicht mehr tun, Sie sind peinlich. Das Recht hat niemand.

tip: Die Pole sind vielleicht Marlene Dietrich, die sich völlig zurückgezogen hatte, und Rolf Eden, der noch mit 80 den Aufreißer gibt.

bluemner_thomaeThomae:?Marlene Dietrich oder auch Greta Garbo standen in einer Zeit vor dem Problem des öffentlichen Alterns, in der sie nicht die Möglichkeit hatten, sich weiter zu präsentieren. Sie wollten im Gedächtnis der Leute für immer jung und schön bleiben.
Blümner:?Es ist traurig, wenn du dich ab einem gewissen Alter wegschließen musst, weil du denkst, einem bestimmten Bild von dir nicht mehr zu entsprechen. Da sind mir die Rolling Stones lieber, die weiter auf der Bühne herumhampeln. Aber der eigentlich tragische Moment der prominenten alternden Frau ist heute ja eher das Konservieren. Sie sind weiterhin da, aber teilweise bis zur Unkenntlichkeit versteinert.

tip: Dem Thema Konservierung widmen Sie einigen Platz. Ein Schönheitschirurg sagt zum Beispiel, dass man spätestens ab Ende 40 mit ersten kleinen Maßnahmen anfangen sollte, damit man hinterher bloß noch nachjustieren muss. Was ist besser: auf eine Eigentumswohnung zu sparen oder auf eine Gesichts-OP?

Thomae:?Wir sind in diesem Punkt überhaupt nicht wertend. Das ist individuell zu entscheiden: Was ist mir wichtig? Wie setze ich da meine Priorität? Wenn man jung ist, kann man sich bestimmte Sachen sowieso nicht vorstellen und denkt: Das würde ich niemals tun, das ist ja grauenhaft. Und irgendwann macht man’s selber. Viele Leute scheinen sich mit Anti-Age-Maßnahmen wohler zu fühlen. Und wie weit die dann gehen, das ist deren Ding.
Blümner:?Aber es ist schon klar, da kann einiges schiefgehen. Das sieht man jede Woche in der Gala. Uns ging es darum aufzuzeigen, auf welchem Stand die Chirurgie derzeit ist. Der Arzt, mit dem wir gesprochen haben, ist davon abgekommen, das Gesicht einfach nur zu straffen und aufzubotoxen. Er hat eine neue Operationstechnik entwickelt, die Gesichtskonturen zu straffen, und nicht alle Falten wegzumachen. Ich glaube aber sowieso, dass man seine Attraktivität im Alter am besten steigern kann, wenn man auf seinen Kleidungsstil achtet. Und eben nicht in die Falle tappt, immer das anzuziehen, was man die letzten 20 Jahre gut fand, sondern sich über seine Outfits Gedanken macht, um sich abzuheben von dieser uniformen grau-beigen Rentnermasse, die einem überall begegnet, irgendwie alle gleich, und auch so ein bisschen geschlechtslos.

tip: Worauf müssen sich Leute, die heute zwischen 30 und 50 sind, im Alter einstellen? Dass sie gut aussehen und körperlich fit sein werden, aber unter Demenz leiden?

Blümner: Wir sind keine Experten auf dem komplexen Gebiet der altersbedingten Krankheiten. Cornel Sieber hat uns jedoch erklärt, dass nur etwa ein Drittel der Leute über 80 zum Pflegefall werden. Das heißt, dass die Chance, dass man gut drauf sein wird, höher ist als die, vor sich hin zu siechen. Und sicher hängt auch viel davon ab, wie man selbst älter wird, wofür man sich interessiert, was man macht, welche Entscheidungen man trifft oder nicht trifft, und ob man im Alter noch Veränderungen zulassen kann. Leute, die erstarren und an dem Punkt bleiben wollen, an dem sie sind, weil sie Angst haben, dass es da, wo es hingeht, ein bisschen schlechter sein könnte, die haben natürlich ein verspannteres Leben als Leute, die aufgeschlossen sind und sich was trauen.

Thomae: Eine schöne Quintessenz aus unseren vielen Interviews ist auch, dass man offenbar verhindern kann, dass das Leben rückblickend zu einer stumpfen, grauen Masse wird und jeder Tag dem anderen gleicht, indem man sich Sensationen schafft, Dinge ändert und Entscheidungen trifft, auch auf die Gefahr hin, dass die falsch sein können. Damit man nicht am Ende seines Lebens dasitzt und sagt: Hätte ich mal Klaus geheiratet und nicht den öden Bernd, wäre ich mal nach Amerika gegangen, wäre ich mal Tänzerin geworden und nicht Hausfrau.

Interview: Erik Heier und Heiko Zwirner

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Heike Blümner, Jackie Thomae: „Let‘s face it.“ Das Buch für alle, die älter werden. Blanvalet, 384 Seiten, 19,99 Ђ

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