• Kultur
  • Bücher
  • Heike Blümner und Jackie Thomae über ihr Buch „Let‘s face it“

Bücher

Heike Blümner und Jackie Thomae über ihr Buch „Let‘s face it“

bl__mner_-tomaeIn ihrem neuen Buch „Let‘s face it“ beschäftigen sie sich mit den Aspekten des Älterwerdens. Ein Gespräch über sanfte Schönheitsoperationen, Eltern, die sich kleiden wie ihre Kinder, und das ewige Leben.  

tip: In Ihrem Buch sind wir über das Wort „Kimono-Arme“ gestolpert. Was meinen Sie damit?

Blümner: Das Phänomen tritt bei älteren Frauen an den Unterseiten der Oberarme auf.
Thomae: Die fangen irgendwann an zu schlackern.

tip: Ach so. Darüber müssen Sie sich hoffentlich keine Sorgen machen, so alt sind Sie ja noch nicht.

Blümner:­ Wir sind gerade in dieser seltsamen Phase: nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Wenn man so stramm auf die 40 zugeht, merkt man stärker, wie die Zeit vergeht. Was sich verändert und wer nachrückt, wird immer mehr zum Thema.
Thomae:?Vor ein paar Jahren hätten wir uns das Thema nicht ausgesucht, das stimmt. Und hätten wir es doch gemacht, dann wäre es ein ganz anderes Buch geworden.

tip: Wieso ist Ihr Zugang zum Älterwerden heute ein anderer als vor ein paar Jahren?

Blümner:?In unserem Alter kann man gut in beide Richtungen schauen. Wir können uns noch lebhaft daran erinnern, wie es ist, jung zu sein, ohne das Jungsein zu verherrlichen; wir wissen noch, was es bedeutet, mit allen Höhen und Tiefen. Und gleichzeitig ist das Alter nicht mehr nur eine abstrakte Vorstellung, die einen nicht persönlich betrifft. Man merkt auf einmal: 60 zu werden ist zwar noch weit weg, aber es ist nicht absolut unvorstellbar.

tip: Heißt das, dass das Älterwerden okay ist, weil man Erfahrungen und Lebensweisheit sammelt, das Altsein aber einfach nur schlimm?

Thomae:?Altsein ist nicht grundsätzlich schlimm. Es ist nur in bestimmten Phasen mal mehr und mal weniger bedrohlich. Das Buch handelt ja nicht davon, wie man das Altwerden vermeiden kann.

tip: Aber Sie stellen Strategien im Umgang mit dem Altern vor, vom Successful Ageing über Anti Ageing bis zum Ending Ageing.

Thomae:?Beim Successful Ageing geht es darum, bei bestmöglicher Gesundheit sehr alt zu werden – eine gemäßigte und beruhigende Form, mit dem Alter umzugehen. Es gibt aber immer mehr Leute, die in Richtung Ending Ageing tendieren. Wissenschaftler wie Aubrey de Grey wollen den Alterungsprozess komplett stoppen und den Tod abschaffen. Ein alter Traum der Menschheit.

tip: Aubrey de Grey – der Name klingt wie eine Figur aus einem Science-Fiction-Roman. Wie war das, als Sie ihn getroffen haben?

thomaeThomae:?Sehr entspannt. Wir haben ihn in einem alten Pub in Cambridge getroffen. Da saß er mit einem Mac, einer Trainingsjacke und einem langen Bart. Das hatte überhaupt nichts Schräges an sich, denn Aubrey de Grey betrachtet das Altern als einen unerwünschten Verfalls- und Abnutzungs­prozess, den es zu stoppen gilt wie eine schlimme Krankheit. Die zu bekämpfen ist seine Lebensaufgabe.

tip: Wollen wir wirklich 200 Jahre alt werden?

Thomae:?Das ist dann natürlich die Frage. Aubrey de Grey sagt Ja und hat daran auch überhaupt keine Zweifel.
Blümner:?Wenn man ihn fragt, ob es die Natur denn nicht eingerichtet hat, dass ein Mensch irgendwann alles erlebt hat und in Frieden gehen möchte, dann sagt er: Nein, das hat nur damit zu tun, dass der Körper dich im Stich lässt. Wenn er fit wäre, würdest du ewig weitermachen wollen. Ich bezweifle das zwar, finde es aber wichtig, dass seine Position im Buch vorkommt.

tip: Also Rente mit 150?

Blümner:?Das ist dann die nächste Frage. Aber Aubrey de Grey forscht an der Überwindung des Todes und sieht es nicht als seine Aufgabe an, alle Konsequenzen, die sich daraus ergeben, komplett zu durchdenken. Er sagt: Ich mache das, und wir werden sehen, was daraus wird.

tip: In 25 Jahren will er so weit sein. Also für uns wohl zu spät.

Blümner:?Man kann natürlich bis ins Unendliche darüber spekulieren, was passiert, wenn der Tod abgeschafft ist: Überbevölkerung, Apathie, Chaos… Diese Frage ist aber nur Teilaspekt unseres Themas. Wir haben für das Buch an die 80 Interviews geführt. Dabei ist uns aufgefallen, dass Leute, die sich wissenschaftlich mit dem Älterwerden beschäftigen, die entspannteren Gesprächspartner waren.

tip: Sie haben aber auch mit Leuten wie Iris Berben, Stefanie Hertel oder Schorsch Kamerun gesprochen. Gab es da Berührungsängste mit dem Thema?

Thomae:?Klar, das liegt in der Natur der Sache. Wenn man sich bei jemanden aus dem Kulturbereich nach dem Älterwerden erkundigt, dann fragt er sich: Was wollen die jetzt von mir? Einige, die auf die 50 oder 60 zugehen und noch immer mit jugendkulturellen Konzepten erfolgreich sind, wollten erst gar nicht mit uns sprechen.

tip: Iris Berben und Inga Humpe, die auch interviewt wurden, stehen auch nicht fürs Altern, sondern eher dafür, wie man in einem Alter immer noch erstaunlich gut aussehen kann.

Thomae:?Wir haben die beiden bewusst nicht gefragt: Sie sehen aber gut aus, wie machen Sie das bloß? Dafür ist der Boulevard zuständig. Wir wollten wissen, wie alt oder jung sie sich fühlen. Interessant wird es, wenn jemand wie Iris Berben sagt, dass es ab 40 immer besser wird.

tip: Wie tröstlich.

Thomae:?Über Trost wollen wir gar nicht so gerne reden, weil das Älterwerden nichts ist, wofür man getröstet werden muss. Wenn man lebt, wird man älter. Man tröstet ja auch niemanden, weil er geboren wurde oder weil er auf der Erde lebt.

tip: Der Aspekt, dass das Älterwerden durchaus seine positiven Seiten hat, zieht sich aber durch das ganze Buch.

Blümner:?Na ja, es kommt immer drauf an, wie man altert. Altern kann auch ganz schön anstrengend sein.

Thomae:?Jungsein aber auch. Denn Jungsein bedeutet eben nicht nur, dass alles toll und aufregend ist, und dass man super aussieht. Die meisten jungen Leute wissen gar nicht, wie super sie gerade aussehen. Das sehen sie erst retrospektiv, wenn überhaupt.

Blümner:?Genau. Mit 20 oder 25 fühlt man sich oft nicht wohl in seiner Haut. Und das fällt einem auch erst hinterher auf, weil man auf der Suche ist und viele Zusammenhänge noch nicht versteht. Man weiß noch nicht so recht, wo es hingeht.

tip: Trotzdem wollen alle jung bleiben.

Thomae:?Wenn Leute sagen, dass sie jung bleiben wollen, dann meinen sie damit meistens, dass sie gut aussehen und körperlich fit sein möchten. Was sie aber auf keinen Fall hergeben möchten, ist die Erfahrung, die sie bis dahin gesammelt haben. Wer aber mit 40 noch den Horizont eines 20-Jährigen hat, hat auf jeden Fall ein Problem.

weiter 1| 2

Mehr über Cookies erfahren