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Heimatgefühle

„Fährst Du dieses Jahr?“. Das ist tatsächlich eine Frage, die jeder sofort versteht. Ja, ich fuhr. Jeder, der noch keine eigene Familie hat, fährt doch Weihnachten zu seinen Eltern. Der Schock kommt wie immer am Bahnsteig. Wer in die Provinz muss, fragt sich, kaum aus dem Zug gestiegen, sogleich: „Wie komme ich hier raus?“ Zumindest solange, bis Mamas fetter Entenbraten über die Tage auch den letzten Rest Rebellion in Gleichmut und Apathie verwandelt hatte. Und man entweder nur noch vor der Glotze saß oder den einzigen, in der Heimat gebliebenen Freund in dessen Kinderzimmer besuchte. Kolja Mensings überarbeitetes Buch von 2003 bietet jedoch feine Essays und liebenswerte Storys über das Leben in der Provinz, die einem den Weihnachts-Aufenthalt geradezu schmackhaft machen konnten. Beispiele: Wo, wenn nicht auf dem Land kann man stolz sein, bei den Bundesjugendspielen mitgemacht zu haben (weil man auf der Urkunde die Unterschrift des Präsidenten erhielt und damit auch „am Rande der Republik die Aufmerksamkeit höherer Staatsgewalt“ auf sich ziehe)? Wo sonst hätte das Jugendzentrum entstehen können, jene „größte autonome Massenbewegung von Jugendlichen auf dem Land“? Wer dann auch noch, wie Mensing, die „Zurück in die Zukunft“-Zeitreisen-Trilogie als Triumph der Klein- über die Großstadt verortet, der hat sein Herz noch immer am rechten Fleck. Nur eines stimmt nicht mehr, auch wenn sich die Gerüch(t)e noch immer hartnäckig halten: In der friesischen Discothek „Tunis“ wird schon lange nicht mehr barfuß getanzt. Davon hatte ich mich dieses Jahr wieder einmal selbst überzeugen können.


 
Kolja Mensing „Wie komme ich hier raus?“, Verbrecher Verlag, 180 Seiten, 12 Euro
Buchpremiere: Monarch, Skalitzer Straße 134, Kreuzberg, Di 12.1., 20.30, Eintritt: 4 Euro. 

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