Bücher

Heimatkrimis aus Berlin liegen voll im Trend

Ein Mord mitten in Kreuzberg, quasi direkt vor der Haustür: Rosis Leiche wird auf der Admiralbrücke gefunden. Dahinter kann nur die Immobilienfirma Kolding AG stecken, da sind sich die Bewohner der Okerstraßen-WG Matti, Twiggy und Dornröschen sicher. Die Firma, die bereits den halben Gräfekiez aufgekauft und grundsaniert hat. Die Kiezaktivistin Rosi muss bei ihren Recherchen auf etwas gestoßen sein, dass Kolding in jedem Fall vertuschen möchte.
So startet Christian v. Ditfurths neuer Roman „Tod in Kreuzberg“. Es ist nach dem „Dornröschen-Projekt“ bereits der zweite Fall, in dem die Kreuzberger Alt-Linken-WG ermittelt. Dass die Polizei bei der Tätersuche ahnungslos zuschauen muss, hat Methode, erklärt der Autor. „Wir haben bei uns in Deutschland den Spießer-Krimi. Im Prinzip ist alles nur noch Tatort: Am Ende ist der Staat da und löst die Verbrechen. Das ist dramaturgisch langweilig, deswegen muss man gucken, wie man das neben der Spur macht.“

Ditfurth_ChristianDie wendungsreiche Verfolgungsjagd führt die WG an die verschiedensten Ecken der Stadt. Wer kiezkundig ist, kann einzelne Straßenzüge und Geschäfte wiedererkennen. Und das ist der Reiz.
Die Nachfrage nach Kriminalliteratur mit Berlin-Bezug steigt, bestätigt Christian Koch, Inhaber der Krimi-Buchhandlung Hammett in Kreuzberg. Es ist charmant, den Weg des Helden durch die eigene Nachbarschaft nachvollziehen zu können, wenn er in genau der Eckkneipe „’ne Molle und n’ Korn“ bestellt, an der man täglich vorbeiläuft. Der Wirt ein eher trocken-freundliches „Dit macht dann Drei Fuffzich!“ entgegenbellt und in der Ecke an der Jukebox eine Gestalt die Tasten drückt, der man am vergangenen Freitag so oder so ähnlich irgendwo begegnet ist.

Speziell für Kriminalautoren bietet die Stadt einen nahezu unerschöpflichen Stofffundus: Die ranghöchsten Politiker treffen auf Wirtschaftsbosse, politische und personelle Entscheidungen werden getroffen, Großprojekte geplant – das lässt ausreichend Spielraum für Missgunst, Zwietracht und Rache, die wohl gängigsten Mord-Motive.
Auch „Tod in Kreuzberg“ greift ein politisches Thema auf, über das aktuell viel diskutiert wird: die Gentrifizierung. Der Gräfekiez ist zum Sinnbild des Umbruchs geworden. V. Ditfurth weiß ganz genau, wovon er spricht: Er wohnt in dem Kreuzberger Viertel und kann die Veränderungen ganz unmittelbar begreifen. Der studierte Historiker mit den grau-melierten Haaren wirkt ernst, wenn er über das Thema spricht. Man könnte sich fast vorstellen, dass er an dem Holztisch in der Küche seiner Kreuzberger Wohnung mit seinen Protagonisten Twiggy, Dornröschen und Matti bei einem Glas Rotwein lebhaft über das Thema Stadtveränderung diskutiert.

Dass er in seinen Büchern relevante Inhalte aufgreift, sei ihm wichtig, sagt der Autor. „Ich mag keine Krimis, die banal sind. Ich schreibe meine Bücher nicht, um Themen zu transportieren, aber ich schreibe meine Bücher nicht ohne Themen“, so v. Ditfurth, der als Kriminalautor nicht nur die Okerstraßen-WG, sondern auch den Historiker Josef Maria Stachelmann in einer sechsbändigen Reihe Fälle lösen ließ. Aber zurück zu der Toten von der Admiralbrücke: Wurde Rosi wirklich von der Immobilienfirma aus dem Weg geräumt? Das Buch wäre wohl 380 Seiten zu lang, wenn die Lösung tatsächlich so einfach wäre.
Nur ein paar Wochen später als „Tod in Kreuzberg“ ist in diesem Herbst das Krimidebüt des Kabarettisten und Geschichtenerzählers Horst Evers erschienen. Und ein bisschen stolz ist er schon auf das Endprodukt „Der König von Berlin“, wie der Krimifan zugibt. Nach dem großen Erfolg seiner Alltagsgeschichten-Sammlung „Für Eile fehlt mir die Zeit“ sei es nun an der Zeit gewesen, etwas Neues auszuprobieren.

Evers_HorstIn Evers’ Roman wird Kommissar Lanner aus dem niedersächsischen Cloppenburg nach Berlin versetzt. Hier hat er es nicht nur mit unfreundlichen Kollegen, sondern auch mit einem ungewöhnlichen Leichenfund zu tun. Und viel größere Probleme warten schon, denn nach dem Tod des Chefs einer Schädlingsbekämpfungsfirma droht Berlin von Millionen von Ratten überrannt zu werden. Gemeinsam mit dem Kammerjägergehilfen Wolters, den Lanner noch aus Schulzeiten kennt, begibt er sich auf Spurensuche. Humorig, aber nicht albern, spannend und wendungsreich bis zum Schluss.
Den biografischen Bezug zu seinen beiden Hauptfiguren will Evers, der ebenfalls aus der niedersächsischen Provinz stammt, nicht leugnen. „Die beiden in Personalunion, das hat schon was von mir. Auf der einen Seite der ambitionierte Hauptkommissar, der nach Berlin kommt, um Karriere zu machen, und auf der anderen Seite sein Schulfeind, bei dem nichts läuft, den nichts interessiert. Und beide Seiten bekämpfen sich seit vielen, vielen Jahren.“
Beim Schreiben habe er versucht, mit einem ungewöhnlichen Figuren-Arrangement, einer ungewöhnlichen Tätersuche und einer noch viel ungewöhnlicheren Auflösung genretypische Erzähl­muster bewusst zu unterwandern. Die irrwitzigen Charaktere, das Setting: typisch Berlin, wie man so schön sagt. „Eine Mischung aus Minder­wertigkeitskomplex und Größenwahn. Dieser Wunsch von Berlin und seinen Bewohnern spiegelt sich wider, irgendwie groß und wichtig sein zu wollen, aber was man auch versucht, es haut nicht ganz hin“, sagt Evers.

So verrückt manche Figur in „Der König von Berlin“ sein mag, ganz unmöglich ist es nicht, dass so jemand in der Stadt sein Unwesen treibt. Ein inhaftierter Verbrecher soll im Roman zum Polizeikomplizen werden und den Beamten Zugang zu einer gesicherten Tür verschaffen. Für seine Hilfe fordert der Kriminelle etwas ganz Besonderes: „Wat, wat man sich nich klauen kann. Watt, wo die Leute sagen, kiek mal: der starke Otto mal wieder.“ Am Fernsehturm will er sich ein Denkmal setzen lassen, der Satz „Otto Stark ist die coolste Sau von Berlin!“ soll dort in großen Lettern geschrieben stehen. Dem Bürgermeister hingegen steht das Wasser bis zum Hals, aber er gibt vor, alles unter Kontrolle zu haben. Ein Schelm, wer da Parallelen zur Wirklichkeit zieht.

Das Verschleiern von Problemen, Mauscheleien und korrupte Beamte sind dankbares Futter für die spannende Krimihandlung. Ein typisches Berliner Problem? „Es gehört nicht viel Wagemut dazu, dieser Stadt ein gewisses Korruptionspotential zu unterstellen“, sagt Evers, „aber ich glaube, das ist ein Problem, das es in allen Großstädten gibt.“
Krimi-Buchhändler Christian Koch kann sich vorstellen, warum Berlin als Handlungsort für viele Autoren attraktiv ist. „Du kannst dir als Autor jede Skurrilität leisten, wenn es in Berlin spielt, was soll es hier nicht geben? Nimm den schrägsten Roman, den du jemals in deinem Leben gelesen hast und stell dich 20 Minuten auf den Herrmannplatz, da findest du die absurdesten Figuren. Das macht Berlin spannend und lebendig.“
In seinem Laden hat Koch sogar ein extra Regal für Berlin-Krimis eingerichtet. Dabei seien es größtenteils Berliner, die sich der Kiez-Lektüre widmen, so Koch. Dass derzeit viele Verlage die Verbrecher in Berlin meucheln lassen, sieht er eher mit gemischten Gefühlen. „Es ist wie bei jeder modischen Welle, am Ende wird das Mittelmaß das meiste ausmachen.“
Wenn man es so will, ist Volker Kutscher eher versehentlich Teil des Hypes geworden. Als er im Jahre 2003 mit den Recherchen zu „Der nasse Fisch“ beginnt, findet er am Markt nur Philip Kerrs Berlin-Trilogie, die inhaltlich seiner Romanidee ähnelt. Die Kriminalgeschichten des britischen Autors spielen im historischen Berlin zur Zeit des Dritten Reiches und wurden bereits Ende der 1980er-Jahre beziehungsweise Anfang der 1990er-Jahre veröffentlicht.

Das Interesse von Lesern und Verlagen an Krimireihen sei in den vergangenen Jahren merklich gestiegen, bestätigt Buchhändler Koch. Der Kommissar beziehungsweise die Hauptfigur wird zur zentralen Identifikationsgestalt, seine persönliche Entwicklung zur eigenen Geschichte. Gereon Rath ist derzeit der bekannteste und erfolgreichste Kommissar, der über nun schon vier Bände im historischen Berlin ermittelt und wie sein Schöpfer Volker Kutscher eigentlich Rheinländer ist. Im August ist der vierte Teil „Die Akte Vaterland“ erschienen, der im Jahr 1932 spielt.
VolkerKutscherBegonnen hat die Geschichte schon etwas früher: 1929 tritt Kommissar Rath seinen Dienst in Berlin an. Es ist eine Zeit der Umbrüche, die Zeit der Weimarer Republik, in der die Nazis schleichend an Einfluss und Macht gewinnen. Und doch ist es auch eine Zeit, in der sich Berlin als moderne Weltstadt präsentiert und, fast wie heute, Aushängeschild für ein intensives Kultur-und Nachtleben ist. Anachronistisch lasterhaft gibt sich auch Rath den Genüssen des Lebens hin, raucht Kette, kokst und trinkt gern einen zu viel. Ein Element, das der Autor mit Freude ausstilisiert, wie er verrät.

Das Berlin der 1920er-Jahre habe Kutscher schon als Kind fasziniert. „Die Epoche hat mich interessiert seit ich Kinderbücher von Erich Kästner wie „Emil und die Detektive“ oder „Pünktchen und Anton“ gelesen habe. Die Atmosphäre der Stadt ist einfach etwas Besonderes. Als alles nach Amerika schaute, galt Berlin als amerikanischste Stadt Europas“, so der Autor. Kutscher möchte zeigen, wie erstaunlich modern das Leben für viele Menschen damals war. So steigt Rath ins Taxi statt in die Pferdekutsche und duscht sich ab, anstatt zu baden. Trotz der historischen Anbindung seiner Romane ist es Kutscher ein Anliegen, Rath als normalen Zeitgenossen darzustellen. „Er steht nie im Zentrum der historischen Ereignisse. Wenn man heute Ereignisse miterlebt, weiß man auch oft erst im Nachhinein, dass sie historisch waren.“ Ebenso wenig rechnet Rath mit der Machtübernahme der Nazis in den frühen 1930er-Jahren. Den beginnenden Zerfall der demokratischen preußischen Regierung muss Rath im aktuellen Band am eigenen Leib erfahren: Während er in Ostpreußen ermittelt, wird nach dem Putsch von Reichskanzler von Papen auch die Berliner Polizeiführung ausgetauscht und Raths ihm wohlwollender Chef entmachtet.

Die Berliner Geschichte bietet viele Anknüpfungspunkte. Nicht nur die Weimarer Republik und beginnende NS-Zeit, auch die Zeit der Besatzungszonen, der Wiederaufbau, der Kalte Krieg, die Teilung der Stadt, Mauerbau und -fall: unzählige Möglichkeiten, die Handlung vor einem realen Geschichtshintergrund zu entwerfen, der manchmal fast fantastischer klingt als Fiktion. Um auf diesen Themenfundus zurückzugreifen, ist entsprechende Sachkenntnis unabdingbar. Neben Literatur- und Archivrecherchen besucht Kutscher die Schauplätze persönlich: „Um ein Gefühl für den Ort zu kriegen, reicht es nicht, alte historische Fotos anzuschauen. Um den Geist des Ortes einzufangen, muss man zu den Orten gehen, auch wenn sie sich noch so sehr verändert haben. Einen Fixpunkt findet man immer.“

HorstBosetzkyAuch die Krimireihe „Es geschah in Berlin“, die den Titel einer ehemaligen Hörspielserie des RIAS entlehnt, spielt im historischen Berlin. Verlagsleiter Norbert Jaron hat die Reihe 2007 gemeinsam mit dem Kriminalautoren-Urgestein Horst Bosetzky ins Leben ge­rufen. Das Besondere: Die Geschichten des Kommissars Hermann ­Kappe werden von verschiedenen Autoren geschrieben. Jedes Jahr erscheinen drei Bände, die einen Zeitraum von zwei Jahren abdecken und in sich abgeschlossen sind. Die Handlung beginnt im Jahre 1910 und soll bis 1960 weitergeführt werden.
“Die Leser sehen die Reihe als eine Art unterhaltsamen Geschichtsunterricht“, sagt Verlagsleiter Jaron. Die Krimis in einen historischen Kontext zu betten, war für den Verleger spannender, als zeitgenössische Themen aufzugreifen. „Ich denke, dass historische Krimis langlebiger sind. Wenn man ein aktuelles Thema behandelt, kann es sein, dass das in ein, zwei Jahren niemanden mehr interessiert. Aber diese Umbrüche in der deutschen Geschichte werden auch noch in 20 Jahren wichtig sein, deswegen ist es befriedigender für mich, so etwas zu machen.“

Ob historische Mordserie oder moderner Wirtschaftskrimi: Es reicht gewiss nicht aus, die Handlung ans Brandenburger Tor zu verlegen und mit ein paar korrekt gezeichneten Straßenzügen an die Nostalgie des Lesers zu appellieren. Es gilt immer, vielschichtige Charaktere zu zeichnen und mit einem spannenden Plot die Ermittlungen des Helden unterhaltsam zu gestalten. Berlin ist jedoch für die Fantasie der Autoren eine breite Spielwiese, auf der weder ein kauzig-sonderbares Figurenensemble noch das wildeste Intrigengeflecht unglaubwürdig erscheinen. 

Text: Steffi Sandkaulen
Fotos: Lutz-Stallknecht/pixelio, ChristianRohr/Carlsbooks, Hans-Georg-Gaul, Melania_Avanzato, privat

 

Christian v. Ditfurth
Der Historiker, Jahrgang 1953, lebt und arbeitet als freier Autor, Journalist und Lektor in Berlin. 2002 erschien der erste Roman seiner sechs-bändigen Krimi-Reihe um den Historiker Josef Maria ­Stachelmann. Der Roman „Tod in Kreuzberg“ ist nach dem „Dorn­röschen-Projekt“ der zweite Fall, in dem die Kreuzberger Oker­straßen-WG ermittelt.  Neben ­Kriminalromanen veröffentlicht von ­Ditfurth auch Thriller und Sachbücher.

Horst Evers
1967 im niedersächsischen ­Diepholz geboren, zieht er mit 20 nach Berlin, studiert Publizistik und Germanistik. Er schlägt sich mit verschiedenen Jobs durch, als ­Taxifahrer und als Postbote. Seit 1988 tritt er mit seinen Geschichten auf. 2002 gewinnt er den Deutschen Kabarettpreis und 2008 den Deutschen Kleinkunstpreis. „Der König von Berlin“ ist sein erster Krimi, aber sein drittes Buch nach „Für Eile fehlt mir die Zeit“ und „Mein Leben als Suchmaschine“.

Volker Kutscher

Geboren 1962 in Lindar im ­Bergischen Land. Studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte, verdiente sein Geld früher als ­Zeitungsredakteur. 1996 erschien sein erster Kriminalroman „Bullenmord“, es folgten weitere Regional­krimis, die im Bergischen Land spielen. 2007 erschien mit dem Roman „Der nasse Fisch“ der erste Teil der Krimireihe, in der Kommissar Gereon Rath im Berlin der 30er-Jahre ermittelt. Kutscher lebt mit seiner Familie in Köln.

Horst Bosetzky
Der emeritierte Soziologie-­Professor wurde 1938 in Berlin ­geboren. Seinen ersten Krimi „Zu einem Mord gehören zwei“ veröffentlichte er 1971 unter dem Pseudonym –ky, das er jahrelang bei­behielt. Es folgten zahlreiche Veröffentlichungen und 1980 der Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman. Gemeinsam mit Verlagsleiter Norbert Jaron ­initiierte er die Krimireihe „Es geschah in Berlin“. Bosetzky ist einer der aktivsten Autoren der Reihe.

 

Lesungen und Bücher in Berlin 

Kultur und Freizeit in Berlin

Mehr über Cookies erfahren