Berliner Autor

Heimvorteil: Lucas Vogelsang

Lucas Vogelsang erkundet vom Wedding aus das Land. Seine Reportagen tun auf der Suche nach dem, was Heimat heute bedeutet, Biografien voller Brüche auf

Foto: Harry Schnitger

 

Und schon sind wir mittendrin im Buch.

„Schön Bäckerei“, schnörkelt es über das Schild überm Eingang. Lucas Vogelsang ist schon da. 31 Jahre alt,  Typ Kraft aber herzlich, Mario-Adorf-Scheitel. Gebürtiger Spandauer, jetzt Weddinger. Zwei Chai bitte. 2,40 Euro. Stimmt so. „Wenn ich allein reinkomme,  zahle ich nie für Chai,“ sagt er. Klar. Heimvorteil.

Gegenüber: der Block. Ein 70er-Jahre-Bau, wie er im Buche steht, Vogelsangs Buch: „Heimaterde“ heißt es. Acht Etagen. 41 Wohnungen.  Noch viel mehr Geschichten. Nur  jeder zehnte Name auf dem Klingelschild klingt deutsch. „Du kannst“, sagt Vogelsang, „im Kleinen Deutschlands Migrationsgeschichte vom Block aus erzählen.“ Oder wie er es auch nennt: Lokalreportage in groß.

Anfang 2015 stiefelt Vogelsang im Mantel in die Bäckerei, eine Freundin hat den Tipp gegeben. Er setzt sich, sagt erstmal wenig, beobachtet. Zwei Tage lang. Anfangs halten sie ihn hier für einen Bullen. Aber er ist Journalist, Reporter. Wenn auch von Springer. Gerade vom „Tagesspiegel“ zur „Welt“ gewechselt.

Und hier, im Block, liegen die Geschichten bereit, alles ist angerichtet, zugreifen bitte.

Da ist Frau Kullack, die seit 40 Jahren vom Fenster aus dem Wedding-Theater beiwohnt. Fikret, der Thraker, der irgendwann das Beten verlernte, aus Faulheit. Oder Yasemin, gute Seele der Bäckerei,  die Vogelsang jenes Wort ins Notizbuch kritzelt, das alles erklärt: Mahalle. Was es meint? Eine Haltung. Nie nur für sich sein. Aufeinander achten. Und auch: Risse aushalten. Widersprüche. Mahalle ist dein Heimweh, wenn du woanders bist.

Nach sechs Wochen Recherche wird im achten Stock eine Wohnung frei. Ein Zeichen, vielleicht. Da zieht er einfach oben ein.

Aber Wedding ist erst der Urknall. Von hier ins Land. Und weiter. Castrop-Rauxel, Pforzheim, Windhoeck. Und: sein Spandau. „Man kann sich seine Herkunft nicht aussuchen“, schreibt er über Spandau. „Es ist eine Tätowierung, die dir ein anderer gestochen hat. Man nimmt sie mit, hinein in die Welt.“

Überall tut Vogelsang bewegende, auch irritierende Varianten von Heimat auf.  Biografien, die irgendwo dazwischen liegen. Eine Iranerin im Schrebergarten.  Ein Vietnamese, der berlinert und Flüchtlinge Deutsch lehrt.  Der Schauspieler Yasin el Harrouk, der Freestyle-Videos ins Netz stellt, mit dem „Hashtag seines Lebens“: #deutscharabisch.

Wie hat ihm doch Bettina Rust, die Radioeins-Moderatorin, bei der Buchparty in der Anita Berber Bar im Wedding attestiert? „Du hast so einen 360-Grad-Radius. Du nimmst alles wahr.“ Der Schriftsteller Benedict Wells sagte ihm mal: „Du hast ja einen Zoo im Kopf.“

Ein Zoodirektor, der 25 Biografien im Kopf jongliert. Und keine fallen lässt. Vogelsang schaut den Leuten aufs Maul, aber er schreibt ihnen nicht nach dem Mund. Verdichtet ihre Zitate zu diesem distinktiven Vogelsang-Sound: langer Atem, kurze Absätze, Assoziationen-Pingpong. Wissend um die feine Grenze zwischen Pointe und Kalauer.

Diese Grenze konnte er jahrelang beim „11-Freunde“-Liveticker zurechtziehen. Das Fragmentarische wiederum hat er seit einer „Playboy“-Kolumne drauf,  „Einer von uns/Keiner von uns“. Ein Wortspiel dauert immer 1800 Zeichen, und am Ende verliert etwa Olli Kahn, das „Einzelmännchen“,  gegen Manu Neuer. Und der lange Atem kam mit einer seiner ersten Lokalreportagen im „Tagesspiegel“: auf den Spuren von „Titten-Gitti“, Prenzlauer-Berg-Ikone, Honneckers erstes It-Girl, Säuferin. Mit Meral Al-Mer gewann er dafür 2013 den Deutschen Reporterpreis.

In seinem Buch handelt die vielleicht irrste Reportage von zwei Brüdern. Der Vater, Ghanaer, hat den einen in Ostberlin gezeugt, den anderen mit neuer Frau adoptiert. Der schwarze Sohn bewacht die DDR-Grenze. Sein weißer Bruder wächst in Ghana auf. Nach der Wende wird er Breakdance-Weltmeister. Sowas kannste dir nicht ausdenken.

Wenn Lucas Vogelsang in die Bäckerei kommt, flirren sie wieder um ihn rum, die geilen Zitate, die Schlagloch-Lebenswege. So ist das, sagt er, wenn du in einer Geschichte lebst. Sie schreibt sich ständig selbst fort.

Heimaterde von Lucas Vogelsang, Aufbau, 330 S., 20 €

Nächste Lesung: 60 Hertz, Waldemarstr. 8, Kreuzberg, Do 20.4., 20 Uhr

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