Werkausgabe

Heiner Müllers Kapitalismus-Texte

„Chronist der Ideologien“ – Brigitte Maria Mayer und Anna Müller sprechen über den 1995 verstorbenen Ehemann und Vater Heiner Müller, den neuen Müller-Band „Für alle reicht es nicht“ und Bücher, die nach 3 Uhr nachts in Bars entstehen

Foto: Privat

tip Frau Mayer, Sie haben an dem neuen Suhrkamp-Band „Für alle reicht es nicht“, der Texte Heiner Müllers zum Kapitalismus enthält, mitgewirkt. Wie kam es dazu?
Brigitte Maria Mayer Die Werkausgabe ist fertig. Der Gedichtband wurde noch einmal ergänzt. Dann kam nicht mehr viel. Bei Suhrkamp ist auch kein Lektor mehr explizit für Heiner Müller zuständig. Da bin ich zu Herrn Fellinger gegangen…

tip Suhrkamps Chef-Lektor Raimund Fellinger…
Brigitte Maria Mayer … und habe ihm vorgeschlagen, dass ich ein Buch machen will. Vielleicht sogar eine Reihe. Es gibt spannende Interview- und Schriften-Bände, die kaum wahrgenommen werden.
Anna Müller Dabei sind das mit die besten Sachen.
Brigitte Maria Mayer Ja, das sind sehr erhellende Texte. Ich dachte, die könnte man thematisch aufarbeiten. Dafür habe ich Mitstreiter gesucht, die Literaturwissenschaftler Clemens Pornschlegel und Helen Müller. Ich bin ja keine Heiner-Müller-Expertin. Aber ich arbeite gerne mit seinen Texten. Müller bringt mich immer gut drauf.

tip Was hat er uns heute noch zu sagen?
Brigitte Maria Mayer Vor allem erweitert er den Blick und die Fähigkeit, Gegenwart zu analysieren. Es ist ein historisch-mythischer Blick, der das Gespür für Zusammenhänge schärft. Müller beleuchtet Dinge von allen Seiten als Chronist der Ideologien des 20. Jahrhunderts – aber nicht nur des Faschismus und Kommunismus, sondern auch des Konsumismus.

tip Frau Müller, Sie wurden 1992 geboren. Wie lesen Sie seine Texte?
Anna Müller Robert Wilson hat mal gesagt, Müllers Texte sind wie Steine – sie funktionieren überall. Man kann sie in einen Pool in L.A. legen oder auf eine Straße in Peru. Ich finde die Texte sehr aufgeladen, da steckt eine wahnsinnige Spannung drin.

tip Wird denn Heiner Müller in Ihrem Freundeskreis gelesen?
Anna Müller Der eine oder andere kennt schon einmal einen Müller-Text, aber es ist nicht die Regel. Müller ist ja nicht nur für Literatur- oder Theaterwissenschaftler interessant –, aber viele trauen sich da gar nicht so heran.
Brigitte Maria Mayer Wir hoffen, dass „Für alle reicht es nicht“ ein Einstiegsbuch sein kann.
AM Viele in meiner Generation wissen ja gar nicht, wie nah die Texte an ihnen dran sind.

tip Frau Müller, Sie selbst haben kürzlich einen Buchverlag gegründet.
Anna Müller Ja, vor einem halben Jahr habe ich mit einem Freund den Herzstück-Verlag gegründet – benannt nach einem Kurzdrama meines Vaters. Wir haben nachts in einer Bar gesessen und darüber geredet. Von Anfang an stand fest, dass wir uns auf Herzensprojekte konzentrieren wollen – und Autoren auch ihre Freiheiten lassen. Das darf dann in alle Richtungen gehen: Roman, Erzählungen, Gedichte. Unser erstes Projekt haben wir mit Crowdfunding finanziert, da wir praktisch mit Null starten.

tip Was wird das für ein Buch sein?
Anna Müller Ein Buch über die King Size Bar in der Friedrichstraße, unser zweites Wohnzimmer.
Brigitte Maria Mayer Es geht um das hedonistische Mitte, das langsam verschwindet.
Anna Müller Ja. Demnächst wird die Bar schließen und das war’s dann erstmal mit Ausgehen in Mitte – zumindest nach 3 Uhr. Wir haben 20 Autoren gefunden, die etwas dazu schreiben. Mit dabei sind unter anderem Moritz von Uslar, Norman Ohler, Sarah Waterfeld, Andrea Hanna Hünniger. Am 22. Juni soll es erscheinen.

tip Wie sehr spielt eigentlich Heiner Müller noch in Ihr Leben hinein?
Anna Müller Alle sagen immer, das muss total hart sein als Tochter von Heiner Müller. Ich sage aber immer, es hat kaum Nachteile.
Brigitte Maria Mayer (lacht): Man kann den Müller nicht mehr von mir trennen. Früher war ich immer „Heiners Frau“, jetzt bin ich „Annas Mutter“. Nein, im Ernst, ich habe aufgehört, mir darüber Gedanken zu machen.

tip Sie sind Foto-, Film- und Performance-Künstlerin – und haben viele thematische Berührungspunkte mit dem Werk Müllers. Das macht es nicht einfacher, oder?
Brigitte Maria Mayer Ich sage immer, ich bin Fotografin, Filmemacherin und Witwe – aber bitte in der Reihenfolge.

„Für alle reicht es nicht“ von Heiner Müller, edition suhrkamp,  389 SS., 16 €

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