Bücher

Heiner Müllers Gedichte

Heiner Müllers Gedichte

In einer seiner lakonischen Pointen hat Heiner Müller verraten, weshalb er sich mit Whisky-Glas und Zigarre am wohlsten fühlt: „Wer Zigarre raucht, wirkt kaltblütig.“ Diesen kühlen Blick auf die Katastrophen des Jahrhunderts, die Maske der durch nichts zu erschütternden Coolness, hat er sich früh antrainiert. „Die Welt war kalt: wir wollten kälter sein“, schreibt er schon in den 50er Jahren in einem jetzt aus dem Nachlass veröffentlichten Gedicht. „Stein sein war gut das Herz aus Stein schlägt auch.“ Für Privatismen und die Befindlichkeiten des Tages hat er sich in seinem Werk scheinbar nicht interessiert: „Wer mit dem Meisel schreibt, hat keine Handschrift.“
Ein unverstellt persönliches Sprechen, auch ein Spiel mit wechselnden Masken, hat er sich nur in seinen Gedichten erlaubt. Das macht die jetzt erschienene, um viele bisher unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass ergänzte Ausgabe seiner gesammelten Gedichte zu einer faszinierenden Lektüre. Man kann ihm dabei zusehen, wie er Tonfälle probiert. Und weil die Herausgeberin Kristin Schulz auch missratene Texte als Dokumente ernst nimmt und selbst über peinliche Stalin-Hymnen nicht den gnädigen Schleier der Höflichkeitszensur legt, sieht man, wie der abgebrühte Lyriker den Ideologietrompeter gibt. Interessanter sind die späten Texte, die ungeschützt von seiner Krankheit, dem nahenden Tod, der eigenen Ratlosigkeit sprechen: „Was sind Worte dem, der sich an ihnen sattgegessen hat und sie nicht mehr ausspein will.“    

Text: Peter Laudenbach

Warten auf der ­Gegenschräge von Heiner Müller, Suhrkamp, 675 Seiten, 49,95 Ђ

Mehr über Cookies erfahren