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Helge Timmerberg: „Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich“

Helge_TimmenbergWeil er auf LSD Hermann Hesse gelesen hatte, trampte er mit 17 los nach Indien. Im Grund ist Helge Timmerberg bis heute von diesem Trip nicht zurück. Er reist um die Welt und lebt einen Traum. Sein Erfolgsrezept: auf Droge schreiben und nüchtern redigieren. Auch „Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich“ ist so entstanden. Diesmal ist er unterwegs, um für ein Drehbuch über Baronin Elsa Sophia von Kamphoevener (1878-1963) zu recherchieren. Eine deutsche Baronin, die als Mann verkleidet durch den Orient ritt und sich einen Namen als Märchenerzählerin machte. Zwanzig Jahre treibt ihn der Stoff um. Dreimal verprasst er die Vorschüsse. Die Story von der Märchenkarawane öffnet ihm die Herzen der Frauen und die Geldbörsen der Produzenten.

Weil aber auch die beste Geschichte nicht ewig hält, ist nach zwei Jahren mit Freundin Mira der Ofen aus. In Tanger kuriert Timmerberg in einem „konsequent halbherzig beleuchteten“ Nachtclub seinen Liebeskummer und fängt sich den Tripper ein. In Marrakesch sinniert er über das Muster der Kacheln, die „zweitausend Jahre Kiffen visualisieren“, und bietet dem Polizeichef einen Joint an. Auf dem Flughafen lässt er sich von seiner Traumfrau die Telefonnummer geben und verbummelt sie wieder.

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Mag sein aktuelles Buch auch ein wenig holprig in die Gänge kommen und nicht ganz so pointiert sein wie die letzten: Nach ein paar Seiten kann man sich diesem schnoddrigen Charme einfach nicht mehr entziehen. Nicht immer politisch ganz korrekt. Aber absolut komisch. Wenn etwa zu erfahren ist, dass der Unterschied zwischen einem „heterosexuellen und einem schwulen Marokkaner“ drei Flaschen Bier sind. Oder Moslems keinen „therapeutischen Nutzen“ aus Alkohol ziehen: „Sie trinken zu schnell und zu viel und bis nichts mehr geht, und kurz vorher fliegen die Fäuste, die Messer und/oder der Mageninhalt.“

Am Ende bricht das Filmprojekt zusammen. Die Märchenbaronin konnte nicht mal reiten, war außerdem in der NSDAP. Aber: „Wer einen Traum verliert, gewinnt das Leben.“ Und wahr sind am Ende eh nur die Märchen. Wer wüsste das besser als Helge Timmerberg.

Text: Welf Grombacher

tip-Bewertung: Lesenswert

Helge Timmerberg: „Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich“ Malik-Verlag, 256 Seiten, 19,99 Ђ

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