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Helmut Krausser: „Die letzten schönen Tage“

kraussnerSex, Liebe und Tod – darum kreisen fast alle Bücher von Helmut Krausser und – laut Reich-Ranicki – sowieso alle großen Romane der Weltliteratur. Warum sich also mit Nebensächlichkeiten aufhalten? Kraussers Titel sind Programm: „Eros“ „Thanatos“, zuletzt „Einsamkeit und Sex und Mitleid“. Um all das geht es auch im neuen, novellenhaft schmalen Krausser-Roman „Die letzten schönen Tage“. Zunächst klopft das Schicksal an die Tür des Werbetexters Serge. Ein Centstück blinkt von den U-Bahngleisen zu ihm herauf. Soll er sein Leben riskieren, um den Glücksbringer an sich und das Glück quasi in die eigene Hand zu nehmen? Wenig später kommt der Zusammenbruch. Ein wichtiger Auftrag zur Weihnachtszeit, die Verspätung der Freundin Kati, die mit dem verhassten „Kollegenschwein“ David ein Verhältnis hat. All das führt dazu, dass Serge in eine handfeste Midlife-Crisis schlittert. Klinikaufenthalt, Psychopharmaka. Ein Urlaub zu zweit auf Malta soll helfen. Kati beendet sogar ihr Verhältnis mit David. Doch die Geister der Vergangenheit reisen mit.

Wie der Wunsch, in Liebe zu leben, durch Misstrauen zerstört wird, ein gegenseitiges Belauern und Belügen zu Manipulation und Missachtung führen, was der Beatles-Song „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ mit dem Tod von Serges Mutter zu tun hat und welch dunkle Geheimnisse dazu führen, dass ein Therapeut seine Schweigepflicht bricht, davon handelt der jüngste Streich des lustvollen Seelensezierers Helmut Krausser. Konsequent wechselt er in seiner gut komponierten Geschichte die Perspektive, konfrontiert den Leser mit verschiedenen Sichtweisen auf dieselben Ereignisse, findet überraschende Wendungen. Aus verqueren Motiven, moralischem Hin und Her und taktischen Spielchen entsteht ein dramaturgischer Sog, aber auch ein tragikomischer Diskurs über Lüge und Wahrheit: „Was ist das schon Wahrheit? Ein Gefühl, das vorübergeht.“
Doch so sehr man sich auch bemüht, irgendwann gibt es immer eine Wahrheit, der man nicht entkommen kann. Dann sind die „letzten schönen Tage“ gezählt. Es beginnt etwas Neues, und sei es das Ende.

Text: Ralph Gerstenberg

Foto: Ullstein Bild/Imagebroker.net

tip-Bewertung: Lesenswert

Helmut Krausser: „Die letzten schönen Tage“ Dumont, 224 Seiten, 19,99 Ђ

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