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Helmut Kuhns Roman „Gehwegschäden“

Die Gegend rund um den Berliner Alexanderplatz ist nicht nur ein urbaner Mikrokosmos, sondern seit Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ gleichsam ein Topos der Literaturgeschichte. Da ist es schon kühn, wenn Helmut Kuhn mit seinem Roman „Gehwegschäden“ ganz bewusst in Döblins Fußstapfen tritt. Die Anspielungen sind unübersehbar: Da rattert „die Elektrische“ durch die Straßen, Kapitelüberschriften erläutern das Geschehen, selbst der Name von Kuhns Hauptfigur Thomas Frantz erinnert an Döblins Protagonisten Franz Bieberkopf.

Mit Mitte vierzig fristet Frantz als freier Journalist ein Leben am Existenzminimum. Die Verhältnisse sind prekär geworden in Berlin-Mitte. Egal ob sie sich als digitale Bohemiens im angesagten Cafй St. Oberholz einen glamourösen Anstrich verleihen oder nach ihrer Promotion als Pagen in Nobelhotels verdingen, die hoch gebildeten Prekarianer leben mit dem Prinzip Hoffnung und sind Meister darin, sich intelligent durchzuschlagen. Nicht nur aus sportlichen Gründen betreibt Thomas Frantz – übrigens ebenso wie sein Schöpfer – eine Hybridsportart, die der Künstler Iepe Rubingh erfunden hat: das Schachboxen.
In seinem detailgenauen, fast dokumentarisch anmutenden Roman findet Helmut Kuhn die richtigen Bilder, um die Einzelkämpfer des Prekariats in Szene zu setzen. Ein simples Straßenschild mit der titelgebenden Aufschrift „Gehwegschäden“ wird zur Metapher für das gesellschaftlich akzeptierte Sich-Abfinden mit Unzulänglichkeiten.

Wie bei Döblin gibt es auch bei Helmut Kuhn Beschreibungen von ganzen Straßenzügen und der gesamten Bewohnerschaft eines Mietshauses. Auch von der Döblin’schen Montagetechnik ließ sich Kuhn inspirieren. Schaukästen, Werbespots, Daily Soaps werden als Wirklichkeitssplitter in das Romangeschehen integriert. „Gehwegschäden“ ist wie sein berühmtes Vorbild nicht nur ein Roman über das Lebensgefühl im östlichen Zentrum Berlins, sondern benutzt dieses Soziotop für einen Gegenwartsbefund, der bei allem Humor – den es in Kuhns Roman auch gibt – nicht unbedingt fröhlich stimmt.    

Text: Ralph Gerstenberg
tip-Bewertung: Lesenswert

Helmut Kuhn „Gehwegschäden“
Frankfurter Verlagsanstalt, 443 Seiten, 22,90 Ђ

 

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