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Henry Roth: „Ein Amerikaner“

Tom-Kleiner_pixelio.deUm ein mögliches Missverständnis gleich auszuräumen: Hier ist nicht vom Vielschreiber Philip Roth die Rede, sondern von seinem Namensvetter Henry. Der ist Jude wie Philip, mit ihm nicht verwandt und schon seit 16 Jahren tot. Und doch gibt es Neues vom Pionier der jüdisch-amerikanischen Literatur. Vertraute des Autors haben „Ein Amerikaner“, die 1938 in der Künstlerkolonie Yaddo beginnende Liebesgeschichte, aus dem Nachlass destilliert. Es ist das finale Werk eines Schriftstellers, der doch längst die Hoffnung begraben hatte, noch einer zu sein. Henry Roth, geboren 1906 in einem galizischen Dorf, landet als Zweijähriger mit seinen Jiddisch sprechenden Eltern in New York. Schnell lernt der Junge die Sprache seiner neuen Heimat, erobert für sich Joyce und Shakespeare und schreibt 1934 mit „Call it Sleep“ („Nenn es Schlaf“) ein starkes Stück Weltliteratur, das authentisch die miefige Welt der Lower East Side Anfang des 20. Jahrhunderts einfängt. Anders als sein 13 Jahre jüngerer Kollege J. D. Salinger, der nach „Der Fänger im Roggen“ noch viele Ideen im Köcher hatte, aber andere Prioritäten setzte, hat es bei Roth mit einem zweiten Buch lange nicht geklappt: Er verstummte für mehr als ein halbes Jahrhundert, heiratete die Musikerin Muriel Parker, zog mit ihr nach Maine und wurde Farmer.

In dem „neuen“ Buch erzählt Roth von der Begegnung mit dieser Frau, die nur M genannt wird, und von seiner langen, schier ewigen Schaffenskrise. Erst 1994 – seine Frau war gestorben – kommt es zur kreativen Eruption: Trotz Arthritis schießt dem alten Mann die 2?000-Seiten-Tetralogie „Mercy of a Rude Stream“ („Die Gnade eines wilden Stroms“) wie ein angestauter Fluss aus dem Computer. Mit Akribie und Leidenschaft hat die in Berlin geborene, heute in Hamburg lebende Heide Sommer in langjähriger Arbeit Roths berserkerhafte Selbstenthüllung seiner Lehr- und Leidensjahre ins Deutsche übertragen. Als Anerkennung für diese Übersetzungsleistung fand die Autodidaktin Aufnahme in den harten Kern der literarischen Roth-Family in New York. Ihrem Einsatz als Hilfs-Agentin verdanken wir nun die deutsche Publikation des letzten Werks aus den 80 Kisten mit Material eines so schwierigen wie großen Autors. Ein wertvolles Zeitdokument.

Text: Reinhard Helling
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Foto: Tom Kleiner (pixelio.de)

Henry Roth: „Ein Amerikaner“
Aus dem Amerikanischen von Heide Sommer,
Hoffmann und Campe, 384 Seiten, 23 Ђ

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