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Herausragend: Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“

AllerTageAbend_ErpenbeckEine Handvoll Schnee auf die Brust. So einfach. Das Herz des kleinen Mädchens, keine acht ­Monate alt, vielleicht hätte es dann doch weitergeschlagen. Damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, im galizischen Schtetl. Nur ein wenig Schnee. Man hätte darauf kommen können. Die jüdische Mutter, der christliche Vater. Der Tod ist nur eine von vielen Möglichkeiten.
In einer akribisch konsequenten Versuchsanordnung lässt die Berliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck ein Leben mehrfach enden, um dann die Zufälle zu wenden, die den Tod brachten. Damit das Leben weitergeht. Bis zum nächsten Ende. Ein Leben, geteilt durch fünf Tode.

Also stirbt das Baby. Dann doch nicht. Also bekommt das Wiener Mädchen mit zu kurzem Rock, die Mutter schimpft es „Hure“ dafür, eine Kugel in die Schläfe. Dann doch nicht. Also hebt die Kommunistin H. in Stalins Arbeitslager ihr Grab aus. Dann doch nicht. Also stürzt die verehrte DDR-Schriftstellerin – Erpenbecks Großmutter Hedda Zinner ist das Vorbild – die Treppe herunter. Dann doch nicht. Also verbittert die Greisin, ihre DDR ist vorbei, im Heim.
So ordnet Jenny Erpenbeck vielerlei Leben immer wieder um. Das ihrer Hauptfigur. Aber auch das von Verwandten, Liebhabern, Schicksalspassanten. Virtuos wendet sie, ähnlich wie im Debüt „Geschichte vom alten Kind“ (1999) oder auch in „Heimsuchung“ (2008) teils nach realen Vorlagen, die Gewissheiten. Alles hat mit allem zu tun. Nichts steht nur für sich.
Gegen den Tod hilft ein wenig Schnee. Blöd nur, wenn Sommer ist. Rein zufällig.    

Text: Erik Heier
tip-Bewertung: Herausragend

Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“
Albrecht Knaus Verlag, 288 Seiten, 19,99 Ђ

 

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