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Herausragend: „September. Fata Morgana“ von Thomas Lehr

Es gibt diese Bücher, manchmal, selten, aber doch. Bücher, die einem den Boden unter den Füßen wegziehen, wenn man sich mit Haut und Haaren, Hirn und Hingebung in sie begibt, sich ihnen ausliefert. Die sich sperren gegen das Schnell-mal-reinlesen, die Flüchtigkeit der Dinge. Die einen Sog entwickeln, der dem Leser nur zwei Wege belässt: entweder gar nicht erst rein oder nie wieder raus, nicht für die nächsten fast 500 Seiten jedenfalls.

Thomas Lehrs neuer Roman ist so ein Ereignis. „September. Fata Morgana“ handelt von Trümmern. Trümmer, die der Terroranschlag des 11. September hinterlässt. Nicht nur in New York City. Nicht nur in der Weltgeschichte, wie sie sich krümmt. In Afghanistan, im Irak. Lehr lässt die Schockwellen von 9/11 in zwei Familien auftreffen, bei zwei Vätern und ihren Töchtern. Eine Familie in den USA, die andere im Irak. Von September 2001 bis zum Irak-Kriegsende 2004.

Da sind der deutsch-amerikanische Germanistikprofessor Martin, geschieden, und seine Tochter Sabrina, die am 11. September im World Trade Center bleibt wie auch ihre Mutter, im 94. Stock, das Flugzeug schlägt direkt darüber ein, der Tod.
Und da sind, gleichsam am anderen Ende der Welt, in Bagdad, der Arzt Tarik und seine Tochter Muna. Tarik, der Feingeist, der Grübler, der Sinnsucher, darin Martin ähnlich, der im Schlachtfeld dreier Kriege überlebte und nun mit ansehen muss, wie sich das Leben erneut, mit dem Einmarsch von George W. Bushs Koalition in den Irak, in Verwüstung und Terror auflöst. In der Stadt, in den Seelen.  
Thomas Lehr, 1957 in Speyer geboren, seit 30 Jahren Berliner, vielfach preisgekrönt, geht seit Langem Buch für Buch immer weiter an die Grenzen, thematisch, auch stilistisch. Mit „September“ aber scheint er, ja, gleichsam angekommen zu sein. Es ist ein schwer fassbares Werk, das erst fordert, dann gibt. Ganz viel. Ein sensationelles Buch.

Akribisch recherchiert und virtuos komponiert, gleicht der lyrisch bis ins Detail verdichtete Gedankenfluss seiner Figuren einer hypnotischen Bewusstseinserweiterung, fast ohne Punkt und Komma, mit oft verblüffenden Sinnbildfindungen („Kollateral-Land“) und  Kontextsprüngen.
Und die Zeilen, sie taumeln, alles geht mit allem zusammen, das Grauen, der Schmerz, der Zorn, die Verheerungen. Und das kleine bisschen Leben. Jedes einzelne.     

Text: Erik Heier

(tip-Bewertung: Herausragend)

Thomas Lehr „September. Fata Morgana“, Carl Hanser Verlag, 480 Seiten, 24,90 Ђ, ab Mo 16.8.

Buchpremiere Literarisches Colloquium Berlin, Am Sandwerder 5, Zehlendorf, Di 17.8., 20 Uhr, www.lcb.de

 

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