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„Alice“ und „Peace“: Neues von Judith Hermann und Alexa Hennig von Lange

Ihre ersten Romane „Relax“ (1997) und „Sommerhaus, später“ (1998) erschienen in einer Zeit, in der Debüts junger Autorinnen in den Verlagshäusern mit spitzen Fingern angefasst wurden. Nach ihren erstaunlichen Erfolgen wurden Alexa Hennig von Lange (Foto oben) und Judith Hermann (Foto unten) vom Literaturbetrieb geliebt. Einen neuen literarischen „Sound“ sollen sie geprägt, gar Wunder vollbracht haben. Möglichst viele junge, Kamera verwöhnte Fräuleins mit hippen Bestsellern sollten natürlich folgen. Einige kamen dann auch noch.

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Auch wenn beide gerne als Stimmen einer Generation zitiert wurden, waren Judith Hermann und Alexa Hennig von Lange von Anfang an jedoch grundverschieden. Während letztere es genoss, sich kichernd – gerne auch ohne Unterwäsche – auf Talkshowsesseln zu räkeln und ihr Privatleben, zum Beispiel ihre Ehe mit Tristesse-Royal-Erfinder Joachim Bessing, gezielt in die Öffentlichkeit zu bringen, blieb Judith Hermann zurückhaltend, schrieb nur wenig und reflektierte immer wieder ihren für sie selbst überraschenden Erfolg.

Nun haben die mittlerweile sechsunddreißigjährige Alexa Hennig von Lange und die nur drei Jahre ältere, aber ungleich reifer wirkende Judith Hermann wie zu Beginn ihrer Karriere fast zeitgleich neue Bücher veröffentlicht, die inzwischen allerdings weit weniger aufgeregt wahrgenommen werden als ihre Debüts.

„Peace“ heißt Alex Hennig von Langes neuer Roman, der mit dem bemerkenswerten Satz beginnt: „Am 26. Oktober 1991 sah ich meine Mutter in ihrer Kotze liegen.“ Ähnlich unappetitlich und kalkuliert provozierend geht es weiter. Joshua, der seine Mutter aus ihrem Erbrochenen fischt, woraufhin diese sich für anderthalb Jahre im Gästeklo ihres Hauses verbarrikadiert, ist ein Produkt antiautoritärer Erziehung und verbringt seine Kindheit und Jugend in verschiedenen Patchworkfamilien. Die Erziehung der Gefühle wird für ihn zu einer Höllenfahrt. Er erlebt Masturbationssitzungen in der Küche, die Kastration eines Säuglings nach der Geburt und den Selbstmordversuch seiner Mutter, die – natürlich – eine selbstsüchtige, völlig verpeilte Emanze und Alt-68erin ist. Joshuas Vater ist ein durchgeknallter Dogendealer, der im Laufe der Geschichte sein Geschlecht wechselt. Im Grunde geht es auch in diesem Buch von Alexa Hennig von Lange um ihre stets variierten Hauptthemen, die sie in der Harald-Schmidt-Show vor einigen Jahren folgendermaßen auf den Punkt gebracht hat: „Ich will das erste Mal Sex haben. Ich hasse meine Eltern.“ Das verbindet sie auf unglaublich öden 223 Seiten mit 68er-Bashing und Selbstfindungsklamauk. Dass die Figuren, die sie sich ausdenkt, nichts mit der Realität zu tun haben, scheint sie dabei nicht im Geringsten zu stören. Hauptsache – das ist für die zweifache Mutter das wichtigste – sie hat beim Schreiben richtig Spaß.

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Judith Hermann amüsiert sich vermutlich weniger beim Verfassen ihrer Geschichten. In ihrem neuen Erzählungsband „Alice“ geht es um den Verlust von Menschen, darum, wie das Sterben den Blick für das Leben der Zurückgebliebenen verändert. Alice ist um die Vierzig. In fünf Erzählungen, die die Namen von Männern tragen, die in Alices Leben eine Rolle gespielt haben – und sei es auch nur durch ihre Abwesenheit -, erzählt Judith Hermann von der Erschütterung durch die unmittelbare Erfahrung der Endlichkeit. In der ersten Geschichte teilt sich Alice eine Ferienwohnung mit der Frau und dem Kind ihres ExGeliebten, der in einer Klinik im Sterben liegt. In einer anderen Erzählung wird eine italienische Provinzstadt zur Kulisse. Zwei Frauen und ein Mann genießen das Leben. Plötzlich und unerwartet stirbt der Gastgeber. Alice, eine der beiden Frauen, ist die letzte, die mit ihm spricht. Die Worte des Mannes klingen nach und bringen sie auf die entscheidende und wahrscheinlich nie zu beantwortende Frage: „Was bedeutet das für alles andere“? Judith Hermann schafft es mit knappen Sätzen und detailgenauen Situationsbeschreibungen die existentielle Kraft dieser Frage wirken zu lassen. Der Blick auf den Geliebten, der am See die Sonntagszeitung liest, hat sich verändert durch das Wissen um den Tod eines Menschen, den man vor wenigen Tagen zum letzten Mal gesehen hat.

„Alice“ und „Peace“ sind zwei Bücher, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Während Alexa Hennig von Langes Realitätsflucht einer künstlerischen Kapitulationserklärung gleichkommt, zeigt sich Judith Hermann auf der Höhe ihres Könnens. Der Spaß beim Schreiben ist sicher schön. Wichtiger ist es, dass es Spaß macht, ein Buch zu lesen, weil es die Sicht auf die Dinge verändert.

Text: Ralph Gerstenberg

Foto: Judith Hermann:Jürgen Bauer


Judith Hermann „Alice“, S. Fischer, 192 Seiten, 18,95 Ђ; Buchpremiere: Di 12.5., 20 Uhr, Radialsystem, Holzmarktstraße 33, Friedrichshain, Eintritt: 8 / 5 Euro.

Alexa Hennig von Lange „Peace“, DuMont, 223 Seiten, 14,95 Ђ;

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