• Kultur
  • Bücher
  • Hernбn Rivera Leteliers neuer Roman: „Die Liebestäuschung“

Bücher

Hernбn Rivera Leteliers neuer Roman: „Die Liebestäuschung“

DieLiebestaeuschungDer 7. August 1929 war ein besonderer Tag in Pampa Uniуn, wo es mehr Bordelle als Bäckereien gab: „Erstmals in ihrem wechselvollen Dasein als vom Staat nicht anerkannte Siedlung wurde die Stadt von einem Präsidenten der Republik beehrt.“ Deshalb soll für Carlos Ibбсez del Campo hier, bei der Salpeter-Mine im hohen Norden Chiles, ein Orchester aufspielen. Diese Ehre missfällt dem anarchistischen Babier Sixto Pastor Alzamora derart, dass er beschließt, den „Tyrannen Ibбсez“ auf seine Weise zu empfangen: mit einer selbst gebastelten Sprengladung, die er als Trommler der Kapelle vor seinen Bauch bindet. Im Kampf gegen miese Arbeitsbedingungen und ebensolche Politiker nimmt der Witwer seinen eigenen Tod in Kauf.

Davon weiß seine Tochter, die so züchtige Pianistin Golondriana del Rosario, nichts, die heimlich und über beide Ohren in den genusssüchtigen Wandertrompeter Bello Sandalio verliebt ist. Und so steuert „Die Liebestäuschung“, der neue Roman des Chilenen Hernбn Rivera Letelier, nach endlosen Trinkgelagen, musikalischen Einlagen, wüsten Schlägereien und durchaus auch manch zärtlichem Moment am Ende auf einen großen Knall zu.  

Der im südchilenischen Talca geborene Autor ist kein Nostalgiker, eher ein leidenschaftlicher Chronist einer untergegangenen Kultur und auf ewig der Atacama-Wüste verfallen, deren Bodenschätze dem schmalen Land einst Reichtum bescherten. Zwei Jahrzehnte lang war der heute 62-Jährige malochender Teil der von ihm beschriebenen Welt, bevor er sich dem Schreiben zuwandte und dem Prosadebüt „Lobgesang auf eine Hure“ ein Dutzend Romane, darunter „Die Filmerzählerin“ (2011) und „Der Traumkicker“ (2012), folgen ließ. All seinen Büchern gemeinsam ist neben der Liebe zur Wüste die Empathie, die der mit dem Alfaguara-Literaturpreis ausgezeichnete Autor seinen Figuren entgegenbringt. Wie kein Zweiter seiner Landsleute erfasst er die lebensfeindliche Region in all ihren Dimensionen: dem Diktat der unerbittlichen Hitze, dem wirtschaftlichen Niedergang und den menschlichen Tragödien, die sich hier abgespielt haben.
Doch manchmal war sie auch Schauplatz dramatischer Liebesgeschichten, wie Rivera Letelier sie hier in aller Schön- und Derbheit erzählt.          

Text: Reinhard Helling
tip-Bewertung: Herausragend


Hernбn Rivera Letelier: „Die Liebestäuschung“
aus dem Spanischen von Svenja Becker, Insel Verlag, 315 Seiten, 19,95 Ђ

 

weitere Buch-Notizen:

Die Geschichte einer Freundschaft und einer Dreiecksbeziehung: Torsten Schulz’ Roman „Nilowsky“

Rainer Merkels afrikanisches Roadmovie „Bo“  Die Reise eines 13-jährigen Deutschen quer durch die Einmillionenstadt Monrovia

Pola Kinski: „Kindermund“
Folter in vielen Variationen: Pola Kinski offenbart in „Kindermund“ den jahrelangen Missbrauch durch ihren Vater Klaus Kinski

Ingvar Ambjшrnsens Roman „Den Oridongo hinauf“
  Dazu ein Strom voller Gefahren, der durch Träume fließt: Ingvar Ambjшrnsens großartiger Roman „Den Oridongo hinauf“

Florian Illies: „1913“:  Geschichtslektion: Florian Illies reist nicht mehr im Golf, sondern in der Zeitmaschine – und steigt im Vorkriegsjahr 1913 aus

Jenny Erpenbeck: „Aller Tage Abend“  Jenny Erpenbeck verlängert in „Aller Tage Abend“ viermal ein eigentlich schon abgeschlossenes Schicksal

Heinz Buschkowsky: „Neukölln ist überall“ Der berühmteste Bezirksbürgermeister der Welt hat ein Buch über Integrationsprobleme geschrieben. 

Übersichsseite Kultur und Freizeit

 

Mehr über Cookies erfahren