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Hobo Nation von Lucius Shepard

Lucius Shepard

Es geht los mit einer spannenden, ursprünglich für das Musikmagazin „?Spin?“ geschriebenen Reportage über die Freight Train Riders of America, eine angeblich raubende, Drogen schmuggelnde, vergewaltigende, mordende Gang aus Hobos mit streng hierarchischen, quasimafiösen Strukturen, die das US-Schienennetz heimlich kontrolliert. Shepard geht der Sache nach, mischt sich unter die ?“Güterzug-Tramps“?, trinkt und fährt mit ihnen ? und gibt Entwarnung: Hobos sind viel zu egozentrisch, ausgeklinkt und entsprechend zerstritten untereinander, um sich tatsächlich derart zu organisieren.

Aber darum geht es gar nicht allein in diesem Text, viel wesentlicher sind die kleinen, dreckigen Momentaufnahmen vom Hobo-Alltag. Shepard beschreibt die stolze Outlaw-Attitüde, die Mythologisierung des „Stahls?“ und die romantische Verklärung der Zugfahrt selber als notwendige Überhöhungen, um diesem kaputten, einerseits vogelfreien, andererseits sehr reglementierten Leben noch ein Rest von Würde abzutrotzen.

In den beiden anderen Texten des Bandes, einer langen Erzählung und einem Kurzroman, kann man dann sehen, wie Shepard den journalistisch aufbereiteten Stoff literarisch transformiert. In der „?Ausreißerin?“ als hoffnungslose, desillusionierte, aber dann doch anrührende Liebesgeschichte zwischen dem Loser Madcat und Grace, einer fatalen Lolita, von der man nie genau weiß, ob die Existenznot ihr diesen seelenlosen Opportunismus beigebracht hat oder ob sie schlicht der Archetyp des bösen, männerverschleißenden Weibes ist. Während hier die Realität vom Alk-Abusus leicht aus den Fugen gerät, braucht die zentrale Geschichte in diesem Band keine Lizenz mehr.

?“Drüben?“ ist ein Fiebertraum, ein psychedelischer Horrortrip in eine Art Hobo-Pandämonium, in dem die Züge lebendige Wesen sind und von vampirartigen Zwischenwesen angefallen werden, und in dem die Sünder für eine Weile Abbitte leisten können, um danach weiterzureisen ? in die nächste Hölle. Hier offenbart Shepard, was er literarisch draufhat, er imaginiert dieses verstörende Jenseits suggestiv, bildmächtig, und es bleibt auch dann plastisch und konkret, als die halluzinatorische Gralssuche die Grenze zur reinen Metaphysik überschreitet.

Text: Frank Schäfer

Lucius Shepard: “?Hobo Nation?“, kuk, 207 Seiten, 19 Euro

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