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Husain M. Naqvi: „Home Boy“

harry schnitgerAls Shehzad Lala noch in Karatschi lebte, hatte er sich das Leben in New York etwas anders vorgestellt: irgendwie lässiger, so wie in den TV-Serien und Filmen, die er daheim schaute. Aber dann eroberte er mit seinen hedonistisch veranlagten Freunden Ali Chaudhry und Jamshed Khan die „Quadratstadt“. Block für Block, Straße für Straße. Nach vier Jahren im Big Apple, in denen der 21-Jährige Literatur studiert, als Analyst für eine Bank arbeitet und schließlich auf Taxifahrer umsattelt, vermisst er eigentlich nur sein geliebtes Nihari, das pakistanische Frühstücks-Curry. Und seine Blitzkarriere vom Dritte-Welt-Bewohner über den Status Wirtschaftsflüchtling zum Szenegänger mündet – wie bei Millionen Einwanderern – in einen waschechten New Yorker.

Doch dann unterbricht der 11. September 2001 die ausschweifende Dauerparty von Chuck, AC und Jimbo jäh. Die drei Pakistanis werden wegen Terrorismusverdacht verhaftet. Im Gefängnis sitzend, bringt Chuck die Stimmung in Amerika in „diesem kritischen Augenblick der Neuzeit“ auf den Punkt: „Genau wie drei Schwarze eine Straßengang waren und drei Juden eine Verschwörung, so waren jetzt drei Muslime eine Schläferzelle.“ Dabei hatte Chuck eine klare Meinung über die Al-Qaida-Attentäter: „Was für Arschlöcher – meine Stadt in Schutt und Asche zu legen!“

„Home Boy“, das rundum überzeugende Debüt des 1974 in London geborenen und heute zwischen New York und Karatschi pendelnden Husain M. Naqvi, ist keine Betroffenheitsstudie, sondern ein kluger, rasanter Roman, der Spaß macht, ohne an Problemen vorbeizugehen. Mühelos bekommt Naqvi den Spagat zwischen Hip-Hop-Elementen und philosophischen Gedanken hin. Die lebendige Sprache verrät, dass er schon einige Poetry Slams erfolgreich absolviert hat.

Und so gleicht die Lektüre einer Taxifahrt, bei der der Fahrer seinem Gast die Tour dadurch verkürzen will, dass er verwickelte Familiengeschichten erzählt, Abkürzungen über Schlaglöcher nimmt und sich zwischendurch einen Schluck Bier genehmigt. Am Ende ist man ziemlich durchgerüttelt, etwas erschöpft und auch ein bisschen traurig, dass die Fahrt plötzlich zu Ende ist. 

Text: Reinhard Helling

tip-Bewertung: Lesenswert

Husain M. Naqvi: „Home Boy“aus dem Amerikanischen von Beate Smandek, KiWi-Paperback 1174, 318 Seiten, 9,95?Ђ

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