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Feminismus

Ihr bestes Stück: Die Graphic Novel „Der Ursprung der Welt“

Mit ihrem Comic „Der Ursprung der Welt“ vermittelt die schwedische Feministin Liv Strömquist eine unterhaltsame Kulturgeschichte der Vulva

Es gibt Dinge, die kann man sich nicht ausdenken. John Kellogg, Arzt und Erfinder der Cornflakes, tropfte Frauen Karbolsäure auf die Klitoris – um sie vom Onanieren abzuhalten. Siegmund Freud operierte seine Patientin Emma Eckstein an der Nase – weil sie über Menstruationsbeschwerden klagte. Sowas kommt dabei raus, vermittelt die Comiczeichnerin Liv Strömquist, wenn sich machtfixierte Männer zu sehr für die weiblichen Geschlechtsorgane interessieren.

Die Intimzone der Frau ist ein Kampfplatz, zugleich mythisch verklärt und als Tabuzone stigmatisiert. Liv Strömquist will dazu beitragen, das zu ändern. Mit dem Comic „Der Ursprung der Welt“ zeigt die schwedische Feministin, wie der weibliche Genitalbereich – und somit auch die weibliche Sexualität – in der Geschichte marginalisiert wurde. In Kapiteln, die lose aufeinander aufbauen, aber auch unabhängig voneinander gelesen werden können, unternimmt Strömquist Ausflüge in Mythologie und Religionsgeschichte, um der Verbannung der Vulva aus dem kollektiven Bewusstsein nachzuspüren.
Ein echter Verdienst, denn noch immer ist das weibliche Geschlecht zugleich unsichtbar und unerhört. So erzählt die Autorin Margarete Stokowski in ihrem Buch „Untenrum frei“, dass sie als Kind eine Verletzung im Intimbereich verschwieg – weil sie schlichtweg nicht wusste, wie sie diese Zone ihres Körpers nun nennen soll.

Dem betretenen Schweigen über das ominöse Untenrum setzt Strömquist gute Fragen entgegen: Warum ist ein roter Schimmer in der Hose hochnotpeinlich, ein Rotweinfleck jedoch nicht? Warum lernt im Biologieunterricht niemand, dass die Klitoris kein vernachlässigbarer Hubbel ist, sondern ein großes Organ mit einer Eichel und zwei Schenkeln?
Strömquists lakonischer Humor findet seine Entsprechung in saloppen Schwarzweißzeichnungen; die einzige bunte Strecke zeigt Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies in einer kargen Landschaft. In Gestalt der Urfrau lässt Strömquist Frauen über Scham und Zweifel, Selbstekel und Komplexe sprechen. Ein starkes Bild, Eva – die sündigste aller Sünderinnen – mit ihren schrecklichen Gefühlen in die Wüste zu schicken.

Viele Erkenntnisse, die der Comic vermittelt, kann man auch im Sachbuch „Vulva“ der Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal nachlesen. Dennoch lohnt sich Strömquists Werk unbedingt. Denn anders als Freuds und Kelloggs Experimente ist ihre Geschichtsstunde nämlich für Männer wie Frauen: sehr, sehr witzig.

Der Ursprung der Welt von Liv Strömquist, Avant Verlag, 140 S., 19,95 €

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