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Ihr Kinderlein Kommet

Ein Mädchen verschwindet spurlos in einem Einkaufscenter und taucht 20 Jahre später dort wieder auf. Wie das geht, erzählt Catherine O’Flynns in ihrem märchenhaften Detektivroman „Was mit Kate geschah“.

Seit dem Liverpooler Bulger-Mord von 1993, als der dreijährige James Bulger von zwei Zehnjährigen aus einer Shopping-Mall entführt und ermordet wird, sind Einkaufscenter für Briten auch Orte der Seelenlosigkeit, in deren Anonymität unbemerkt die schlimmsten Dinge passieren können. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigten damals, wie James Bulger an der Hand eines seiner Mörder das Gebäude verlässt, ohne dass jemand einschritt.

Auch in „Was mit Kate geschah“ verschwindet ein Kind aus einer Mall, wieder sind scheinbar nur Kameras stumme Zeugen von dem, was keiner verhinderte. Auf einmal war sie einfach weg, das Mädchen Kate, eine Hobbydetektivin, die im Einkaufscenter Green Oaks täglich Listen führte, observierte und Berichte verfasste, die durch alle Etagen patroullierte und wie Sam Spade Sachen sah, die sonst niemand bemerkte. Catherine O’Flynns unerwartet tragikomischer, märchenhafter, von Anfang bis Ende hoch spannender Roman erzählt allerdings weniger Kates Geschichte. Er erzählt, wie die Menschen um Kate zwanzig Jahre später Hoffnung schöpfen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen – denn die Kate von 1984 taucht plötzlich in einem Überwachungsvideo in Green Oaks auf. Für zwei ihrer ehemaligen Mitschüler, Kurt, der als Wachmann im Center arbeitet und Lisa, eine Filialleiterin mit geplatzten Träumen, spielt es keine Rolle, dass sie nicht an Geister glauben. Die Geister, so scheint es, glauben an sie. Es wird ihre Aufgabe, Kate zu finden, den Fall abzuschließen – und sich nebenbei mit großmäuligen Security-Leuten rumzuschlagen, die immer bemüht sind, die eigene Vergangenheit hochzuspielen.

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So spannend die Detektivgeschichte mit ihren phantastischen Elementen, so bitterböse ist O’Flynns Darstellung vom Leben in den Shoppingmalls, wo die Schüler von heute ihre Jobs für später schon mal aus der Nähe betrachten können. Wer sich hier tummelt, hat einen Knall. Darunter Nebenfiguren wie der blinde, in jeden Brunnen fallende Dave („die leibhaftige Widerlegung des Klischeess, dass Blinde eine fast schon übernatürliche Fähigkeit haben, sich zurechtzufinden“), der „Liftscheisser“ (der sich nur Kabinen aus Glas vornimmt und trotzdem unentdeckt bleibt) oder der Easy-Listening-Musikverkäufer Dave, der auf die Unwissenheit seiner Kunden mit verzweifelter Gewalt reagiert. Sie alle beschreibt O‘Flynn so fantasievoll, dass man sich wünscht, sie erhielten einen eigenen Roman. „Was mit Kate geschah“ ist ein starkes Debüt, in dem hunderte Geschichten stecken.

Catherine O‘Flynn, „Was mit Kate geschah“, Atrium, 272 Seiten, 19,90 Euro.

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