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Im digitalen Zeitalter: Berliner Buchläden verfolgen neue Konzepte

Buchladen_Ocelot_c_Frithjof_KleppAnfang des Jahres wurde es Buchfreunden in Prenzlauer Berg traurig ums Herz: In der Käthe-Kollwitz-Buchhandlung war Ausverkauf, der Laden musste schließen. Kurze Zeit später sank die Stimmung in Charlottenburg: Lehmanns Buchhandlung, im Haus Hardenberg Nachfolger der Buchhandlung Kiepert, des insolvent gegangenen Berliner Platzhirsches, schloss seine Filiale für immer. Und bereits ein Jahr zuvor hatte die Buchhandlung Hugendubel ihren riesigen Flagship-Store am Tauentzien dichtgemacht.

Im Buchhandel herrscht derzeit totale Umbruchstimmung. Onlineshops, allen voran der Branchenriese Amazon, der 74 Prozent des deutschen Internet-Buchversandhandels beherrscht, bieten bequeme Einkaufsalternativen – und halten eine gigantische Auswahl bereit. 2011 stieg ihr Umsatz um fünf Prozent auf 1,7 Milliarden Euro, während der Umsatz des stationären Buchhandels um drei Prozent auf 4,78 Milliarden sank. 2012 wurde jedes fünfte Buch über Webshops verkauft. Wobei das E-Book, das man ohne Lieferzeit aus dem Internet herunterladen kann, sein Potenzial längst nicht ausgeschöpft hat.

Im Comicbuchladen Modern Graphics (Foto) in der Kreuzberger Oranienstraße ist von Alarmstimmung trotzdem erst mal nichts zu bemerken. Die aufblasbare Rakete, die seit der Eröffnung des Ladens 1991 neben einer überdimensionalen Plastikversion der Comicfigur Bone von der Decke baumelt, scheint zu signalisieren, dass hier alles seinen gewohnten Gang geht. „Ich mag’s ein bisschen verkramt und unaufgeräumt“, gibt Michael Wießler, der Inhaber des Ladens zu – und hat damit bereits die erste Besonderheit beschrieben. Schließlich eint die Comic- und Graphic-Novel-Fans ihre Affinität zur eigenwilligen Ästhetik. „Natürlich macht uns das Internet ebenfalls zu schaffen“, sagt der 49-Jährige. „Vor allem, wenn es um Importe geht. Dafür aber sind wir dem Mainstream immer voraus, entdecken ständig neue Zeichner und Illustratoren, halten aber auch viele Raritäten bereit.“

modern_graphicsZugute kommt Michael Wießler aber auch, dass die mit hohem Anspruch verlegten Comics und Graphic Novels ihre eigentliche Qualität erst bei der Begutachtung vor Ort zeigen. „Die Bilder sind künstlerische Werke, die bei der Online-Betrachtung ihr Potenzial nicht entfalten können.“ Trotzdem verlässt sich Wießler nicht allein auf die Laden-­Atmosphäre mit ihrem subkulturellen Touch oder die Attraktivität seiner Ware im Hier und Jetzt. Auch er führt einen Webshop, lädt zudem regelmäßig zu Signierstunden mit Künstlern oder Diashow-Lesungen ein.

Der Studie „Sales Trends. Strategien für den erfolgreichen Handel von morgen“ zufolge, einer Publikation des Zukunftsinstituts, deren Inhaber Trendforscher Matthias Horx ist, macht Michael Wießler alles richtig: Er verkauft Produkte, bei denen „der physische Raum […] von hoher Relevanz für die Konsumenten bleibt“, sein Laden ist zugleich ein „Community-Hotspot“, wie es in schönstem Marketing-Sprech in der Studie heißt. „Es ist wichtig, dass man sich seine Kunden genauer anguckt als früher und versucht, komplementär seine Angebote auszubauen“, beschreibt auch Buchhändler David Mesche das Vorgehen mit seiner Buchbox. Dass er auf dem richtigen Weg ist, beweist die erfolgreiche Expansion, die ihm zusammen mit seinem Geschäftspartner Jan Köster gelungen ist. Gestartet vor acht Jahren mit einem nur 35 Quadratmeter kleinen Laden am Boxhagener Platz, konnte man sich inzwischen auf vier Filialen vergrößern. Dass diese durchweg in kulturinteressierten Kiezen angesiedelt sind, ist Absicht. In Prenzlauer Berg etwa, wo drei Buchbox-Filialen zu finden sind, stoßen Mesche und Köster nicht nur auf anspruchsvolle Leser, sondern auch auf viele Kinder. Dementsprechend orientiert man sich weniger an aktuellen Beststellerlisten, sondern vielmehr an Leserbedürfnissen, von denen die Buchhändler durch persönliche Kontakte mit ihren Kunden erfahren. Zudem wird der jüngste Lesernachwuchs nicht als störendes Beiwerk behandelt, sondern fühlt sich zum Beispiel in einer Spielburg wohl – und kann seine Lektüre an einer  Miniatur-Kasse sogar selbst bezahlen.

buchbox_Kindertheater„Kundenbindung ist ein wichtiges Instrument“, betont Mesche. „Ziel ist es, ein Kauf­erlebnis zu schaffen, die Kunden sollen gerne herkommen und sich wohlfühlen.“ Auch in der Buchbox (Foto) finden regelmäßig Veranstaltungen statt. Neben klassischen Autoren­lesungen experimentiert Mesche auch mit anderen Formaten. Beim Piano-Abend, der vor Kurzem seine Premiere feierte, konnte man es sich bei Klavierbegleitung und Wein zum Lesen im Laden gemütlich machen. „Der Buchhandel darf sich zukünftig nicht nur als ein Ort verstehen, an dem Bücher an den Kunden verkauft werden, man muss eine aktivere Position einnehmen und sich als kulturellen Treffpunkt im Kiez positionieren“, bestätigt auch Detlef Bluhm vom Landesverband Berlin des Börsenvereins des deutschen Buchhandels. Unter der Digitalisierung des Buchhandels leiden unflexiblere Branchenriesen wie Thalia oder Hugendubel stärker als die kleinen, engagierten und spezialisierten Läden mit ihrem guten Draht zum Kunden: In Berlin hat sich ihre Zahl laut der Industrie- und Handelskammer in den letzten Jahren sogar um 64,8 Prozent erhöht. Statt 271 Buchläden als Kleinstgewerbe­treibende im Jahr 2008 sind es inzwischen 448 Läden. Was allerdings nichts über Umsätze oder die Selbstausbeutung von selbstständigen Buchhändlern aussagt.

winterAlmut Winter, Inhaberin der 2010 eröffneten Buchhandlung Winter (Foto) auf der Charlottenburger Giesebrechtstraße gegenüber dem Traditionskino Kurbel, blickt auf einen Zehn-Stunden-Tag – und erledigt danach noch die Buchhaltung. Auch die 51-Jährige hat sich genau Gedanken gemacht, wo sie mit ihrem Ladenkonzept Erfolg haben könnte. „Das hier ist ein lesefreudiger Kiez, das sind gebildete Leute, die hier wohnen“, sagt sie. Dem­entsprechend hat sie auch ihr Angebot ausgerichtet: „Die Kunden können hier auf Entdeckungsreise gehen und finden besondere Literatur, auf die sie im Internet nicht gestoßen wären.“ Weil die Gegend aber auch „ein weltoffener Kiez mit dörflichen Strukturen“ sei, spielen auch bei Winter Veranstaltungen eine große Rolle. Diese werden auch mal gemeinsam mit umliegenden Geschäften organisiert und unter Beteiligung von anwohnenden Autoren, Schauspielern und Musikern. Sonntags lädt Almut Winter zudem regelmäßig zur literarischen Matinee.

Wie inzwischen die Hälfte aller Buchhandlungen führt aber auch Almut Winter einen Webshop, von dem man in Zukunft wohl auch E-Books herunterladen können wird. Eine Multimedia-Ecke kann sie sich indessen in ihrem Laden nicht vorstellen. Almut Winter: „Man sollte sich auch ein Stück weit treu bleiben.“ Vielleicht ist die Multimedia-Ecke aber auch gar nicht nötig. Im Ocelot in Mitte (Foto oben) funktioniert der Kauf von E-Books über das im Laden verfügbare WLAN. Lange vor der Eröffnung seines Geschäftes im Jahr 2012 hat Frithjof Klepp bereits 2006 über ein Online-Portal E-Books vertrieben und ist mit der Materie bestens vertraut. Sein Ladengeschäft, das früher eine Schlecker-Filiale war, ist mit über 250 Qua­dratmetern sehr großzügig geschnitten. Hinter der großen Fensterfront sind mehrere Holztische aufgestellt. Den obligatorischen Latte macchiato kann man direkt im ladeninternen Cafй kaufen. Der Raum passt zum Mitte-Publikum und ist bewusst auf die Bedürfnisse der Digitalen Bohиme, der jungen Kreativen, ausgerichtet.

„Das Publikum hier ist sehr anspruchsvoll“, sagt Klepp und blickt ernst aus seiner dunkel umrandeten Hornbrille. Kalender, Engels­figuren oder andere Non-book-Artikel, die vor allem in den Filialen der großen Ketten einen wichtigen Teil der Verkaufsfläche einnehmen, bietet der 38-Jährige nicht an. Rückbesinnung auf die Kernkompetenzen nennt Klepp das: 90 Prozent seiner angebotenen Waren sind tatsächlich Bücher. Auch Liebhaberstücke und Sonderausgaben hält er bereit, für 400 Euro ist kürzlich ein mehrbändiges Kochbuch über die Ladentheke gewandert. Die Marke Ocelot will Klepp auch ins Netz tragen. Ende September startete der Relaunch seines Onlineshops. Neben dem gedruckten Buch vertreibt er von dort auch E-Books. Klepp kann sich vorstellen, dass der Umsatz des Webshops den des Ladengeschäfts künftig übertreffen wird.

Allzu viel Fantasie braucht man für diese Vision nicht, denn der Anteil der E-Books am Gesamtumsatz der Buchbranche steigt kontinuierlich. Nach Angaben des Börsenvereins des deutschen Buchhandels lag er 2012 bei 2,4 Prozent – zwei Jahre zuvor machte der E-Book-Verkauf gerade mal 0,5 Prozent aus. Zwar ist das noch weit von amerikanischen Verhältnissen entfernt, wo E-Books schon ein gutes Drittel der Umsätze stellen, für 2013 wird jedoch auch in Deutschland eine deutliche Steigerung erwartet. „Die Branche erkennt nicht, was gerade passiert und welche Potenziale der digitale Markt bietet“, sagt Verleger und E-Book-Experte Volker Oppmann. Mit seinem Projekt LOG.OS will er eine gemeinschaftlich organisierte digitale Plattform aufbauen, die den Onlineversand und E-Book-Verkauf für mehrere Buchläden bündelt und die sich die Möglichkeiten des Social Web zunutze macht. So sollen Leser beispielsweise Kommentare zu E-Book-Texten mit anderen Nutzern teilen können. Ein Kontakt, der sich später auf Treffen in der Realität übertragen ließe: bei Autorenlesungen oder einem Latte macchiato in der Buchhandlung des Vertrauens.

Text: Steffi Sandkaulen, Eva Apraku, Mitarbeit: Susanne Grautmann

Foto: Yves Sucksdorff (Ocelot)

Buchhandlungen mit Biss

Buchbox
„Brot und Bücher“ heißt eine Veranstaltung in den Buchbox-Filialen, in denen Kiezbuchhändler beim Wein ihre Lieblingsbücher vorstellen; Lettestraße 5, Prenzlauer Berg, weitere Filialen unter www.buchboxberlin.de

Modern Graphics
Die Betreiber präsentieren gerne noch unbekannte Künstler und Verlage; Oranienstraße 22, Kreuzberg, www.modern-graphics.de

Buchhandlung Winter
Raum für literarische Entdeckungen und Literatur-Events; Giesebrechtstraße 18, Charlottenburg, www.buchhandlungwinter.de

Ocelot
Der Digital Native der Buchhandlungen: Texte sind sowohl analog als auch als E-Book zu haben; Brunnenstraße 181, Mitte,
www.ocelot.de

Pro QM
Thematische Buchhandlung zu Architektur, Stadt, Kunst, Design oder Ökonomiekritik; Almstadtstraße 48-50, Mitte, www.pro-qm.de

Chatwins
Hier gibt es ausgefallene Reise­führer, Karten und Reiseromane; Goltzstraße 40, Schöneberg, www.chatwins.de

Mundo Azul
Spezialisiert auf internationale Kinderbücher, Workshops, Konzerte, Theateraufführungen; Choriner Straße 49, Prenzlauer Berg, www.mundoazul.de

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„Wir brauchen engagierte ­Buchhändler“ : Susanne Schüssler, Leiterin des ­Wagenbach-Verlags, über die Bedeutung unabhängiger Buchverlage.

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