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Im Gespräch mit Björn Kuhligk und Tom Schulz

KuhligkHerr Kuhligk, Herr Schulz, dürfte man überhaupt ein Wanderbuch über Brandenburg machen, ohne Fontane zu erwähnen?
Björn Kuhligk: Prinzipiell darf man alles, was mit Literatur zu tun hat. Wir sind einfach losgezogen, haben unsere Schreibtische verlassen. Das machen ja sehr wenige Autoren.
Tom Schulz: Fontane war nur ein Aufhänger. Eigentlich ging es uns darum, uns davon loszuschreiben. Aber es steht ja auch auf Schokoladen drauf: Kann Spuren von Nüssen enthalten. So kann unser Buch auch Spuren von Fontane enthalten.

Saљa Staniљic hat gerade mit einem Uckermark-Roman den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen, die Verfilmung von Moritz von Uslars Dorfpanorama „Deutschboden“ kommt ins Kino. Drängt Brandenburg mit Macht auf die literarische Weltkarte?
Kuhligk: Wenn das so ist, sind wir dabei!

Sie, Herr Schulz, waren 2012 Stadtschreiber in Rheinsberg. Und Ihr letzter Gedichtband, Herr Kuhligk, spielte auch in Brandenburg. Vorwissen darf also vorausgesetzt werden.
Kuhligk: Wir kennen Brandenburg ja auch von Wochenendausflügen. Das typisch Berlinerische, das in Berlin durch die Zugezogenen verschwindet und zum Teil von einigen vermisst wird, das habe ich in Brandenburg wiedergefunden. Und das hat mich sehr gefreut. Es gehörte dazu, dass wir auf die Leute eingegangen sind. Wenn wir in eine Kneipe gegangen sind, haben wir erst mal ordentlich „Tach!“ gesagt und nicht „Moin Moin“ – und dann fröhlich losberlinert.

Gaststätten, Kneipen und – als gastronomische Alternative in Brandenburg – Tankstellen waren sowieso oft Ihre ersten Ziele.
Schulz: Björn und ich haben ja zusammen eine Kneipenbuch-Reihe gemacht …

… über Autoren und ihre Kneipen in Berlin, Hamburg, München …
Schulz: … da sind wir natürlich in diesen Sujets zu Hause und wissen: Wenn man etwas erfahren will, dann dort. Man kann ja schlecht irgendwo klingeln und sagen: „Lassen Sie uns mal in ihr Wohnzimmer ein.“

Es ist dennoch eine illustre Sammlung von Situationen und Orten: Silvesterparty in der Neuruppiner Kulturkirche, ein Kürbis-Dino in Klaistow, Mafia in Neuruppin. Haben Sie sich Themen-Vorgaben gesetzt?
Kuhligk: Nein, die haben sich vor Ort ergeben. Dass es zum Beispiel mafiöse Strukturen in Neuruppin gab, wussten wir gar nicht. Davon haben wir erst von einem Wachmann bei dieser Silvesterparty erfahren.  

Haben sich die Märker gewundert, was da zwei Berliner Dichter von ihnen wollten?
Schulz: Eigentlich weniger. Wir wurden überall gut aufgenommen. Die Leute waren froh, dass zwei wie wir daherkamen, sich dem Thema näherten, ohne Scheu, auch ohne eine intellektuelle Überlegenheit, die sich manch einer denkt, weil er Literatur macht. Insofern waren das gute Begegnungen.

Was haben Sie neu gelernt über die Mark?
Schulz: Ganz allgemein: die Schönheit der Landschaften. Eine gewisse Ursprünglichkeit. Und das andere, was mich, der ich in Ostberlin aufgewachsen bin, nicht ganz überrascht hat: dass die DDR-Zeit in vielen Biografien noch weiterlebt, -geistert, auch -spukt.
Kuhligk: Was mich auch fasziniert hat: Wir waren in Orten, wo es keine Gaststätte gab, kein soziales Zentrum. Ich fand es toll, wie sich die Leute Treffpunkte erschaffen haben.

Wie in der kleinen Kirche in Wust.
Kuhligk: Die haben wir an einem Sonntagvormittag besucht. Da saßen zwei Handvoll Männer um einen Kasten Bier und haben einen Frühschoppen veranstaltet. Das war einfach toll, diese Widerständigkeit, die sich da entwickelt hat. Die Leute haben sich einfach ihren Ort selbst geschaffen. Das hat mir imponiert.

Interview: Erik Heier

Fotos: Kuhligk / Schulz – aus dem besprochenen band

KuhligkBjörn Kuhligk/Tom Schulz: „Wir sind jetzt hier. Neue Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ Hanser Berlin, 272 Seiten, 17,90 Ђ

Über die Autoren: 

Björn Kuhligk: Jahrgang 1975, geboren und aufgewachsen in Westberlin, lebt in Kreuzberg, Lyriker und -Literaturredakteur. -Zuletzt von ihm erschienen: „Die Stille zwischen  null und eins“.

Tom Schulz: Jahrgang 1970, geboren in der Lausitz, aufgewachsen in Ostberlin, lebt als Autor und Lyriker in Prenzlauer Berg. -Zuletzt erschien sein Gedichtband „Innere Musik“.

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