Bücher

Im Hades

Die Worte „Irland“ und „Kindheit“ wecken oft schöne Assoziationen, leider jedoch nie, wenn sie gemeinsam auftauchen. Schon gar nicht in der Literatur. Meist geht es dann um Armut, immer um Katholizismus, natürlich auch um Alkohol. Ist über Kindheit in Irland nicht schon alles geschrieben worden? Nein, denn der Musikjournalist Peter Murphy hat mit „Ich, John“ eine umwerfende, berührende Lebensgeschichte erdacht. Denn wenn Sigmund Freud sagte, dass Iren nicht therapierbar seien, hat er wohl das Unterbewusstein des Iren unterschlagen. Das Unterbewusstsein hat eine Menge zu sagen. Zumindest beim jungen John Devine. Für ihn erscheinen die irischen Weiten als surreale, Hades-artige Landschaften, und er wie ein Pionier in einer unbevölkerten Welt. In Johns realer Welt entlädt sich die unfreiwillig-katholische Erziehung darin, dass er in einer Art dämonischem Rausch eine Kirche demoliert. John träumt vom Abhauen, auch weil seine Mutter sich in ihm einen Frömmling (Originaltitel des Buchs: „John the Revelator“) gewünscht hat. Er lernt den älteren und schlaueren Jamey kennen, der ihm wiederum die Protestkultur Rimbauds näher bringt, und plant den Aufstand. Dem Autoren Peter Murphy gelangen dazu viele kleine Weisheiten. „Weißt Du, was der Fluch des Glücklichseins ist, John? Dass man es nie weiß, wenn es passiert. Sobald man es merkt, ist es vorbei.“
 
Peter Murphy, „Ich, John“, aus dem Englischen von Karsten Kredel, Suhrkamp Nova, 220 Seiten, 13,90 Euro. 

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