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Im Westen nichts Neues

Warum war Bowie in Berlin? Tobias Rüther trägt in „Helden“ nur Altbekanntes zusammen – schreibt aber auch tolle Albumrezensionen

Es hat einen unangenehmen Beigeschmack, wenn ein Autor Zeiten beschreibt, die er nicht erlebte und einen Mann dieser Zeit, den er nie traf: Irgendwie hat das was künstlich Nachempfundenes, oft Schlaumeierisches, ein Wissen, das Jeder zusammentragen kann, gräbt man nur lange genug in den Archiven. Insofern bietet Tobias Rüther, der 1973 geboren wurde und über David Bowies Berlinjahre zwischen 1976 und 1978 schreibt, keine Ausnahme.

Das Problem seines Buchs „Helden“ ist tatsächlich der Abstand, aber nicht nur der Altersabstand, auch die Distanz zu den Protagonisten: Erst auf Seite 63 (!) taucht mit Eduard Meyer, Tontechniker im Hansa-Studio, wo Bowie Musik aufnahm, der erste Interviewpartner auf. Es folgen nicht viele weitere. Und nicht etwa Eno oder Iggy, sondern: „Neu!“-Gitarrist Michael Rother oder Antonia Maaß. Mehr B- als A-Personal also, wobei Maaß immerhin verantwortlich war für die grandios bescheuerte, deutsche Version von „Heroes“, in der Bowie allen Ernstes Zeilen wie „forever and ever“ als „für immer und immer“ singen muss.

bowie_copyright_eduard meyer

„Helden“ (Foto: Eduard Meyer) fasst nur Altbekanntes zusammen: Bowie sucht in Berlin deutsche elektronische Musik, Nationalsozialismus und Stalinismus, er verliebt sich in das Brücke-Museum und versinkt, auf der Suche nach Weimarer Republik und „Cabaret“, in den Sesseln der Transsexuellen Romy Haag.

 Das liest sich manchmal witzig, etwa wenn der Siebziger-Bowie mit den heutigen Berliner Bohemiens verglichen wird: Zugezogene im Altbau, kein Geld, aber Kunstprojekte. Boulevardesk aber ist Rüthers Methode, einerseits Unbestätigtes als Geschwätz abzutun („Der Mythos ist sich da nicht so sicher“, „Experten spekulieren“), andererseits aber auch an dem mitzustricken, was unklar ist: Bowie fährt seinen Drogendealer auf dem Ku‘Damm an? Wer war das „Heroes“-Liebespaar, das sich an der Mauer am Wachturm traf? Bumste Bowie Romy Haag? Laut Rüther „banale“ Fragen. Dennoch Thema für ihn. Sein Buch ist also entweder Bowie für absolute Neueinsteiger – oder Nabelschau eines Musikexpertens.

Denn Rüther ist ja Musikjournalist, und die herausragenden Passagen sind solche, in denen er Bowies Alben rezensiert. Da schreibt der Fan, der „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ internalisiert hat, wohl seit Jahrzehnten verehrt und passende Bilder liefert: die kühlen Ambientklänge als Score für Wohnmaschinen und Gesichtsbaracken West-Berlins. „Low“ mit seinen neuartigen Sounds. Eine Mischung aus „ausserirdischem Esperanto“, unmenschlich hart klingender Instrumentierung, „bitterkalter, heimatloser Musik, ein Klopfen und Pochen aus dem Untergeschoss“. Wer diese Beschreibungen liest, möchte die Berliner Alben hören – und zwar für immer und, äh, immer.

 Tobias Rüther, „Helden. David Bowie und Berlin“, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, 222 Seiten, 19,90 Euro.

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