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Internationales Literaturfestival Berlin 2015

Internationales Literaturfestival Berlin 2015

Was heißt Zuhause? Wo ist Heimat? Wie lange ist man fremd im Exil und wann wird die Heimat zur Fremde? Fragen wie diese stehen beim 15. Internationalen Literaturfestival Berlin im Mittelpunkt, das der spanische Bestsellerautor Javier Marнas gestern (nach Redaktionsschluss) eröffnen sollte und die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev am 19. September beschließen wird. Dazwischen finden fast 250 Veranstaltungen mit Autoren wie Martin Amis, Zsуfia Bбn, Amir Hassan Cheheltan, Roddy Doyle, Richard Flanagan, David Foenkinos, Mohammed Hanif, Laksmi Pamuntjak, Laurie Penny, Elif Shafak, Adelle Waldman oder Meg Wolitzer statt (siehe auch unsere nebenstehende ILB-Empfehlungen).
Angesichts von erwarteten 70.000 neuen Flüchtlingen bis Jahresende in Berlin läge der diesjährige Schwerpunkt auf der Hand, kommentierte Festivaldirektor Ulrich Schreiber das Programm, das erstmals auch Veranstaltungen in Willkommensklassen und Flüchtlingsunterkünften vorsieht. Ohnehin erhalten Flüchtlinge und Asylbewerber bei allen ILB-Veranstaltungen (nach verfügbaren Plätzen) freien Eintritt.
Schon bei der Leseperformance „Berlin liest“ (siehe tip 18/2015) standen einen Tag lang Lesungen aus Marina Naprushkinas Buch „Neue Heimat? Wie Flüchtlinge uns zu besseren Nachbarn machen“ auf dem Programm. Die weißrussische Künstlerin gehört zu den Gründern der Flüchtlingsinitiative „Neue Nachbarschaft Moabit“. Der britische Drehbuchautor Frank Cottrell Boyce fordert (laut vorab verbreitetem Rede-Auszug) zur Eröffnung des Kinder- und Jugendprogramms: „Öffnet die Tore der Festung!“
Vertieft wird die Debatte zur Festung Europa mit einem Gespräch über „Kriterien einer europäischen Einwanderungspolitik“ zwischen dem libyschen Arzt und Poeten Ashur Etwebi und dem deutschen Dokumentarfilmer Jakob Preuss (11.9., 18 Uhr, Haus der Berliner Festspiele). Warum aber werden Menschen aus ihrer alten Heimat vertrieben und was kann man dagegen tun? Und welche Rolle spielt inzwischen der islamistische Terror? Über diese Fragen wird der 81-jährige nigerianische Literaturnobelpreisträger und Unesco-Botschafter Wole Soyinka sprechen (16. September, 20 Uhr, Heilig-Kreuz-Kirche). An Flucht und Vertreibung sind stets auch Fragen von Identität und Heimatsuche geknüpft. Diese greift die Berliner Schriftstellerin Jenny Erpenbeck in ihrem neuen, für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman „Gehen, ging, gegangen“ (17.9., 19.30 Uhr, Berliner Festspiele) ebenso auf wie auch vier junge europäische Autoren, darunter Kelag-Preisträgerin Valerie Fritsch, in ihren Kurzgeschichten (15.9., 21 Uhr, Berliner Festspiele). Zeitgleich spricht die syrische Journalistin Samar Yazbek auf der großen Bühne über ihre zerstörte Heimat, aus der aktuell die meisten Menschen nach Europa fliehen.
Vertiefte Einblicke in die Unruhezonen der Welt verschaffen zudem die Reportagen des aktuellen Friedenspreisträgers des Deutschen Buchhandels Navid Kermani (11.9., 11 Uhr, Haus der Berliner Festspiele) sowie David Van Reybroucks phänomenale Kongo-Studie (17.9., 19 Uhr, Heinrich-Böll-Stiftung; 18.9., 20 Uhr, Heilig-Kreuz-Kirche).
Flucht und Zuwanderung werden Berlin verändern, die Stadt wird in 20 Jahren anders aussehen als heute. Spannend sind daher auch die Lesungen und Diskussionen der Reihe „Visions 2030“ im Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße, bei der Autoren wie der Rumäne Mircea C?rt?rescu  – im Frühjahr mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet –, die Argentinierin Marнa Sonia Cristoff oder der Nigerianer Helon Habila mit Wissenschaftlern wie IT-Visionär Adam Greenfield, Mobilitätsexpertin Jutta Deffner oder Bombay-Versteher Suketa Mehta über die Zukunft der Städte philosophieren. Literatur ist den politischen Debatten gedanklich oft voraus. Nicht umsonst ziert Rodins Denker das Festivalplakat.

Text: Thomas Hummitzsch

Foto: Hartwig Klappert/ilb

15. ilb Hauptveranstaltungsort: Haus der Berliner Festspiele, Schaperstr. 24, Wilmersdorf, u.a. Orte, bis Sa 19.9., Eintritt 8 erm. 6 Euro (Einzel-), 18 erm. 12 Ђ (Tages-), 80 erm. 60 Ђ (Festivalkarte)

Einen kompletten Überblick zum ilb 2015 finden Sie auch auf GO Berlin

Unsere ILB-Favoriten

Moritz Rinke, Jan Böttcher, Joachim Krуl und andere
Man muss ein Spiel auch lesen können Eine Saison lang haben Schriftsteller der Autorennationalmannschaft die Heimspiele von Borussia Dortmund besucht. Wer erfahren will, was Rückschläge und Erfolge mit einer Fußballmannschaft und ihren Fans machen, für den ist diese Veranstaltung ein Muss – egal, ob BVB-Fan oder nicht.
Haus der Berliner Festspiele/Seitenbühne, Do 10.9., 21 Uhr

Javier Martнnez Pedro
Migrar – Weggehen Der mexikanische Künstler Pedro baut eigentlich die meiste Zeit des Tages Obst und Gemüse an. Selbst das Papier dieses außergewöhnlichen Leporellos, in dem er die Auswanderung aus Mexiko in die USA aus Kinderperspektive beschreibt, ist aus dem eigenen Garten.
Haus der Berliner Festspiele/Große Bühne, Fr 11.9., 9.30 Uhr
Die Gelbe Villa – Lesezelt, Wilhelmshöhe 10, Kreuzberg, So 13.9., 13 Uhr, Eintritt frei

Adam Thirlwell

Grell und Süß Thirlwell ist einer der jungen Wilden der britischen Literaturszene und sein Roman ein Feuerwerk der Ironie, bei dem ein wohlsituiertes Leben so richtig aus den Rudern läuft.
Haus der Berliner Festspiele/Große Bühne, Sa 12.9., 19.30 Uhr

Meg Wolitzer
Die Stellung & Was uns bleibt ist jetzt Noch peinlicher, als die Eltern beim Sex zu erwischen ist es, wenn die ganze Welt dabei zusieht – weil diese einen reich bebilderten Sexratgeber herausgegeben haben. Nach „Die Interessanten“ kommt Meg Wolitzer mit ihrem neuen Roman „Die Stellung“ sowie ihrem ersten Jugendbuch nach Deutschland.
Haus der Berliner Festspiele/Seitenbühne, Mo 14.9., 13 Uhr?Große Bühne, Mo 14.9., 21 Uhr

Roddy Doyle  
Brilliant & A Greyhound of a Girl & Punk is Dad Der irische Booker-Prize-Gewinner hat neben seinem ebenso genialen wie berührenden Roman „Punk is Dad“ zwei neue Jugendromane zur Wirtschaftskrise und zum Abschiednehmen im Gepäck.
Haus der Berliner Festspiele/Große Bühne, Mo 14.9., 9 Uhr
Große Bühne, Mo 14.9., 12 Uhr?Große Bühne, Di 15.9., 19.30

Martin Amis
Interessengebiet Liebe auf den ersten Blick? Nichts Besonderes. Liebe auf den ersten Blick im Vernichtungslager Auschwitz? Schon. Ein beunruhigender Roman über die Täter und die Unbegreiflichkeit des industriellen Mordens.
Palais in der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg, Di 15.9., 20 Uhr

Amir Hassan Cheheltan
Der Kalligraph von Isfahan & Iranische Dämmerung Zwei neue Romane von einer der wichtigsten iranischen Stimmen. „Iranische Dämmerung“ präsentiert Amir Hassan Cheheltan erstmals in der vollständigen Fassung. Eine Auszeichnung für die zensierte Version hatte er 2007 im Iran abgelehnt.
Haus der Berliner Festspiele/Oberes Foyer, Di 15.9., 18 Uhr
Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23, Charlottenburg, Mi 16.9., 21 Uhr

Adelle Waldman
Das Liebesleben des Nathaniel P. Egozentrische Männer, die nicht erwachsen werden, gibt es ja auch in Berlin genug. Aber niemand hat den Typus Großstadtneurotiker bissiger und treffender porträtiert als Adelle Waldman aus Brooklyn.
Haus der Berliner Festspiele / Seitenbühne, Do 17.9., 21 Uhr

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