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Interview: Diedrich Diederichsen über sein neues Buch „Über Pop-Musik“

DD_5_christina_wernerEnde der 90er-Jahre schildern Sie in Ihrem Buch „Der lange Weg nach Mitte“, wie Pop zum Normativ von allem und jedem geworden war. Weshalb wurde gerade jetzt die Pop-Musik für Sie wieder interessant?
Am Ende von „Der lange Weg nach Mitte“ gibt es eine Abrechnung mit diesem inflationär gebrauchten Pop-Begriff. Seitdem benutze ich ihn nicht mehr. Ich rede nicht von Pop, ich spreche über Pop-Musik, das ist etwas anderes. Natürlich hat Pop-Musik Strukturen und Muster gebildet, die andere Kulturphänomene dann übernommen haben, etwa das Reality-TV. Aber das ist nicht mehr mein Thema. Mir war wichtig zu klären, dass Pop-Musik mit reiner Musik nicht so viel zu tun hat.

Stört es Sie, dass die Versprechen von Pop – die Versprechen von Befreiung, Selbst-erleben, Subjektivität – längst warenförmig geworden sind?
Diese Versprechen waren ja immer schon warenförmig. Der Punkt ist, dass die an Waren geknüpften Versprechen nicht leer sind. Die Waren sind leer und sie werden die Versprechen nie erfüllen. Aber die Versprechen sind in der Welt, und das bedeutet und verändert etwas.

Einerseits hört man Musik heute ständig und überall, andererseits geben immer weniger Leute für Musik Geld aus. Wie verändert das die Pop-Musik und ihre Rezeption?
Dieses Dilemma steckt ja bereits in den medialen Architekturen, in denen Pop-Musik heute für gewöhnlich auftaucht, nämlich in Verbindung mit etwas anderem, mit Film, mit Werbung, mit YouTube-Clips, als Soundtrack in Geschäften, wo auch immer. Früher mussten Pop-Musik-Rezipienten die Verbindung zwischen Sound, Bild, Biografie des Musikers etc. selbst herstellen. Genau das hat den hohen Begeisterungsfaktor der Pop-Musik hervorgebracht. Die Pop-Musik-Erfahrung ist ja, dass sie erst vollständig vorhanden ist, wenn man das alles zusammengesetzt hat. Und weil man damit nie fertig ist, ist das ein unendlicher Prozess. Genau das macht die Sache so attraktiv.

Musikhören wird uns zu leicht gemacht?
Zumindest werden einem diese Verknüpfungsleistungen heute ständig abgenommen. Man muss nicht mehr suchen, wozu der Klang passt. Dadurch interessiert einen diese Musik natürlich auch immer weniger, die affektive Rate schrumpft.

Plädieren Sie dafür, davor in nerdiges Nischenwissen zu fliehen?
Ende der Achtziger gab es das ja schon mal: Nur noch so superesoterisches Indie-Wissen, eine Nischenkultur, wie wir sie jetzt auch wieder haben. Wir träumten doch alle davon, dass es Musik gibt, die interessant ist und einen anregt – und die trotzdem populär ist. Das ist die Situation, in der die zentralen Auseinandersetzungen über diese Musik laufen. Das ist in den 80er-Jahren verloren gegangen – und wurde in den 90er-Jahren erst wieder über elektronische Musik und Techno gewonnen.

Gegen Ende Ihres neuen Buches „Über Pop-Musik“ haben Sie einen Hassausbruch gegen schlechte Pop-Musik, die Sie „die zentrale Belästigung der Welt“ nennen. Was ist so schlimm an schlechter Pop-Musik?
Haben Sie in letzter Zeit mal Radio gehört? Na ja, in der Pop-Musik werden Reize eingesetzt, Zeichenreste, die mit irgendwas in Verbindung stehen, in das mal Leben, Einzigartigkeit, besondere Situationen investiert worden sind. Die tauchen dann nicht nur als Zombies, sondern als die 791. zombifizierte Version ihrer selbst wieder auf und sprechen explizit von ihren Niedergangskarrieren. Es handelt sich im Kern nicht darum, dass nur ästhetische Formen den Bach runter gegangen sind. Das Ausgangsmaterial ist ja nicht primär das künstlerische Material, sondern die darin investierte Lebensenergie und Projektionsenergie.

Sie stellen Ihr Buch im HAU zusammen mit Renй Pollesch vor. Ein Lieblingsthema der Figuren in Polleschs Theaterstücken ist der Wunsch nach entfremdeter Arbeit, um nicht immer so authentisch mit echten Gefühlen handeln zu müssen. Das ist eine Polemik gegen moderne Unternehmenskulturen, die statt der Arbeitszeit und der Kompetenz ihrer Mitarbeiter gleich den ganzen Menschen haben wollen. Ist die Befreiung vom Zwang zum authentischen Gefühl nicht auch ein Thema oder eine Strategie besserer Pop-Musik?
Klar, das taucht in der Pop-Musik schon in den 80ern auf, sich freiwillig in eine Fremdheit zur Emotion zu setzen, Gesangsstile, die vorführen, dass jemand lieber entfremdet sein will, als sich zu verwirklichen. Als Gegenmodell zum Authentizismus die Entfremdung zu bejahen, ist natürlich eine berechtigte Provokation. Aber als politische For-derung oder als Lebensentwurf wäre das schwachsinnig. Das absolute Gegenteil des Falschen ist auch falsch. Keiner von uns will lieber wieder in der Fabrik arbeiten als in einer Agentur.

Interview: Peter Laudenbach und Clemens Niedenthal

Buchpräsentation ?Diedrich Diederichsen im Gespräch mit ?Renй Pollesch, HAU 1, Di 18.3., 20 Uhr, ?Karten-Tel. 25 90 04 27

ueber_popmusikLangspielplatte?

Pop-Musik liebt das kurze Format. Drei Minuten, um die Welt zu erklären oder ihr lustvoll zu entfliehen. Diedrich Diederichsen – emphatischer Pop-Kritiker und entschiedener Pop-Denker, Chefredakteur der Musikzeitschrift „Spex“ (1985–90) und seit 2006 Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien – hat sich für die Überlänge entschieden. Da will einer der Pop-Musik all das zurückgeben, was diese aus ihm gemacht hat. Die Disco, den Diskurs, die tanzenden Gesellschaftsverhältnisse. Da weiß einer andererseits aber auch um das Verschwinden von Pop-Musik, sowohl als Markt als auch als gesellschaftliche Markierung. Eine Rockband zu gründen, ist heute ungefähr so subversiv wie Klavierstunden zu nehmen“, hatte Diederichsen, Jahrgang 1957, bereits vor vier Jahren gesagt. Nach 474 Seiten bleibt mindestens die Erkenntnis, dass er unter all den Pop-Musik-Denkern derjenige ist, der beides gleichermaßen inbrünstig liebt (und versteht): die Unmittelbarkeit von Pop und den Erkenntnisgewinn seiner theoretischen Verortung, den -Refrain und die Referenzen. Auch deshalb ist „Über Pop-Musik“ für den Preis der Leipziger -Buchmesse nominiert worden.

Text: Clemens Niedenthal

Diedrich Diederichsen: ?“Über Pop-Musik“ ?Kiepenheuer & Witsch, ?474 Seiten, 39,99 Ђ

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