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Interview mir Annika Line Trost?

Annika Line Trost?

tip Frau Trost, Sie hatten lange versucht, von Ihrem großen Busen abzulenken. Ihr nun erschienenes Buch „75F“ trägt indessen die genaue BH-Größe sogar im Titel. Wie ist es zu diesem Wandel gekommen?
Annika Line Trost?Früher hatte ich mich nicht so doll mit meinen Brüsten auseinandergesetzt – die ganze Welt um mich herum setzte sich ja ständig damit auseinander. Stattdessen habe ich mich lieber mit Sachen beschäftigt, von denen ich glaubte, dass ich sie mehr selbst bestimmen konnte als die Größe meiner Brüste. Mit Musik und so. Diese Interessen fand ich spannender als meine Brüste. Brüste sucht man sich ja nicht selber aus. Es sei denn, sie sind von Dr. Silikon.

tip In „75F“ liest man von Ihrem täglichen Spießrutenlauf durch U- und S-Bahnen, von auf Ihre Brüste glotzenden Augen, vielen anzüglichen Kommentaren und über Fotografen, die Ihre Brüste nackt fotografieren wollten. Passiert das alles noch?
Annika Line Trost Diese Anfragen gibt’s jetzt nicht mehr. Meine Brüste sind nach dem Stillen meiner beiden Söhne viel kleiner geworden. Von 75F auf 70F. Das ist zwar immer noch ein F-Körbchen, aber ein 70er-F-Körbchen ist viel kleiner als ein 75er-F-Körbchen. Früher dagegen sah ich aus wie eine Comicfigur. Unfreiwilligerweise. Damals kamen ständig Anfragen von Fotografen. Es waren die absurdesten Angebote dabei. Einer wollte Fotos von mir schießen, die man sich später in Japan aus einem Automaten hätte ziehen können – mit einem Tütchen Schamhaar dabei!

tip Gab es im Vorfeld Bedenken, ein Buch über Ihre Brüste zu schreiben?
Annika Line Trost Ja. Ich hatte überlegt, dass das in die falsche Schublade gesteckt werden könnte. Denn wenn man einen großen Busen hat, gibt es ohnehin jede Menge Fremdzuschreibungen: Dass man dominant sei, voll versaut, geistig flach und dass man total auf Lack und Leder stehe. Doch vielleicht auch gerade weil meine großen Brüste so lange von anderen Leuten thematisiert wurden, habe ich mir irgendwann gedacht, dass ich mir sozusagen die Deutungshoheit zurückhole.

tip In den 1990er-Jahren warb H&M mal mit dem großbrüstigen Model Anna Nicole Smith für seine Dessous und Bademoden. Haben Sie bei H&M je passende BHs oder Bademoden gefunden?
Annika Line Trost Bei H&M gibt es nichts in Größe F. Vor allem Bademode nicht. Bademode zu finden war immer besonders schwierig. Man muss dann oft in ganz blöde Läden gehen. Dabei will ich mich beim Einkaufen auch ein bisschen cool fühlen. Aber in diesen Läden, in denen ich passende Bademode fand, muss man das kaufen, was da seit zehn Jahren liegt. Ich hatte damals nur so einen Oma-Badeanzug – und mir das Schwimmen­gehen dann abgeschminkt. Dabei mag ich es eigentlich, im Wasser zu sein: Dieser Moment, wenn die Schwerkraft aufgehoben wird.

tip Bei dem Berliner Nacktmodell Micaela Schäfer zeigen die Nippel in den Himmel. Tun Ihre das auch?
Annika Line Trost Nein, wie soll das auch gehen? Es gibt ja die Schwerkraft. Silikonbrüste sehen ja ohnehin ganz anders aus als echte Brüste: wie ein in der Hälfte durchgeschnittener Ball, den jemand an die Brust geschraubt hat. Das finden heute viele Frauen schick. Ich allerdings nicht so sehr. Wobei ich es aber natürlich okay finde, dass Leute, die auf diese denaturalisierte Ästhetik stehen, das so machen lassen.

tip Hatten Sie je über eine Brust-OP nachgedacht? Eine Verkleinerung?
Annika Line Trost „Mein Frauenarzt hatte mir das mal nahegelegt. Aber ich habe das nicht gemacht. Zum einen, weil es mir zu blutrünstig ist, zum anderen, weil ich nicht eingesehen habe, dass ich etwas operativ verändern lassen soll, was eigentlich voll in Schuss und einfach nur sehr groß ist. Neulich war ich übrigens wegen meiner Nase bei einem ästhetischen Chirurgen. In Mexico City bin ich mal von der Bühne gefallen und voll auf die Nase geknallt. Die war dann gebrochen, ist seitdem schief, und nun wollte ich von dem Arzt wissen, was man da machen kann. Da mein Buch bereits in Vorbereitung war, habe ich mit dem Arzt auch über meine Brüste gesprochen und ihm gezeigt, wie sie heute aussehen. Der sagte dann nur: „Oh mein Gott – ich weiß gar nicht, was Sie für ein Problem mit Ihrer Nase haben?“ Doch, ich habe ein Problem mit meiner Nase, aber nicht mit meinen Brüsten. Die haben viel erlebt, so viel, dass ich mit ihren Geschichten 256 Buchseiten füllen kann. Ich gestehe ihnen einfach zu, so auszusehen, wie sie aussehen.

Interview: Eva Apraku

Foto: Hadley Hudson; S.Fischer Verlag

75F. Ein Buch über wahre Größe von Annika Line Trost, Fischer Taschenbuch 2015, 256 S., 14,99 Euro

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