Bücher

Interview mit Alexander Hacke

Interview mit Alexander Hacke

Alexander Hacke: Der Musiker, Produzent und Komponist von Filmmusik wurde 1965 in Neukölln geboren. Hacke war als Dreizehnjähriger Mitbegründer der Band Mekanik Destrüktiw Kommandöh, spielt seit 1980 bei den Einstürzenden Neubauten und hat weiterhin in zahlreichen Bands und Musikprojekten mitgewirkt, darunter Crime & the City Solution, Jever Mountain Boys und zuletzt Ministry of Wolves. Er war mit Christiane F. liiert, ist Vater von zwei Kindern und seit 2006 mit der Künstlerin und Musikerin Danielle de Picciotto verheiratet, mit der er seit 2010 ein nomadisches Leben führt.

tip Herr Hacke, Sie sind in Neukölln aufgewachsen, wie haben Sie Ihren Heimatbezirk in Erinnerung?
Alexander Hacke Ich bin im Krankenhaus Neukölln geboren, wir wohnten erst Harzer Ecke Elsenstraße, später in Buckow. Heute komme ich da selten hin, aber damals war Neukölln extrem langweilig, ein reiner Arbeiter- und Rentnerbezirk. Kultur gab es nicht, außer Eckkneipen. Die gibt es heute auch kaum noch.

tip Sie haben schon früh diverse Leidenschaften entwickelt. Erst für Beethoven, Bruce Lee und Ägypten, später für abwegige Musik. Waren Sie ein Sonderling?
Alexander Hacke Mit Sicherheit war ich ein Sonderling, ich habe mein Leben lang instinktiv nach Inspirationen gesucht, die sich weit abseits von meinem eigentlichen Umfeld abgespielt haben. Ich hatte immer eine Vision davon, wer ich sein wollte und das hatte nichts mit dem Schema zu tun, in das man im Sinne von gesellschaftlicher Formung reingepresst wird.

tip Hatten Sie in der Schule deswegen Schwierigkeiten mit Lehrern oder anderen Kindern?
Alexander Hacke Anfangs kam mir zugute, dass ich erst mit sieben Jahren eingeschult wurde. Und obwohl ich Brillenträger war, war ich immer etwas größer und stärker als die anderen. Ich musste meine Brille selten abnehmen.

tip Sie mussten ein mutiges Kind gewesen sein. Mit 13 quer durch die Stadt zu fahren, um mit Punks ein Festival zu organisieren, hätte sich nicht jeder getraut.
Alexander Hacke Dieser Mut hängt mit der West-Berliner Atmosphäre zusammen und dem Selbstverständnis das man als Kind hatte. Es ging eben immer nur bis zu einem Punkt weiter und dann kam die Mauer. Man konnte gar nicht verloren gehen. Der initiale Kontakt zu der Szene kam dann tatsächlich im Haus der Naturfreundejugend im Wedding, wo ein linkes Musikfestival organisiert wurde. Dadurch kam ich dann auch nach Kreuzberg.

tip Wie haben Sie Kreuzberg um 1980 erlebt?
Alexander Hacke Als ich das erste Mal die Grenze von Neukölln nach Kreuzberg überschritten habe, war das für mich eine Offenbarung. Ich habe die Hausbesetzerszene kennengelernt und darüber dann die intellektuelle Avantgarde-Szene. Ich war 13 und da war mir klar, wohin die Reise geht, kurz darauf spielte ich bei Mekanik Destrüktiw Kommandöh.

tip Außer Punks und Künstlern haben Sie dort auch die türkischen Gastarbeiter erlebt.
Alexander Hacke In Neukölln lebten damals gar nicht so viele türkische Gastarbeiter, die lernte ich erst bei meinen Ausflügen nach Kreuzberg kennen und ich mochte ihre Musik sofort. Später, als ich dann in Istanbul mit Fatih Akin an der Musikdokumentation „Crossing the Bridge“ gearbeitet habe, hat sich dieses Interesse weiterentwickelt.

tip Fatih Akin ist Hamburger – eine Stadt, zu der Sie auch schon sehr früh einen starken Bezug hatten. Wie kam es dazu?
Alexander Hacke Am 27. Dezember 1980 spielten wir mit den Einstürzenden Neubauten in der Hamburger Markthalle zusammen mit der Band Abwärts. Nach diesem Konzert habe ich die durch ihre kurz darauf verfilmte Autobiografie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ berühmt gewordene Christiane F. kennengelernt und sie wurde meine erste Freundin. Sie war 18, ich war 15 und wir sind in Hamburg zusammengezogen, obwohl ich von dort oft nach West-Berlin gependelt bin. Die Schule habe ich zu dem Zeitpunkt, noch vor dem Hauptschulabschluss, abgebrochen.

tip Sie kannten Blixa Bargeld und N.U. Unruh, die Gründer der Einstürzenden Neubauten, aus dem Schöneberger Designladen Eisengrau. Obwohl Sie viel jünger waren, wurden Sie als Bandmitglied akzeptiert.
Alexander Hacke Ich war ja komplett begeistert und bin der Musik obsessiv nachgegangen, aber anfangs galt ich als eine Art unberechenbares Element und ich glaube auch, dass ich den anderen ziemlich auf den Geist gegangen sein muss, so als Kind. Beim ersten Konzert der Neubauten am 1. April 1980 konnte ich nicht dabei sein, weil ich da in Wien mit einer anderen Band gespielt habe. Gründungsmitglied bin ich also nicht, kam aber kurz danach dazu.

Alexander Hacke um 1980

tip Und sind seit 35 Jahren dabei. Trotzdem haben Sie immer wieder in anderen Bands gespielt. Warum?
Alexander Hacke Die Neubauten sind meine Familie, ich bin Einzelkind, und das sind meine älteren Brüder. Aber die Neubauten sind ein extremes Ding. Wir sagen immer, uns hätte es niemals so lange gegeben, hätten wir uns nicht parallel dazu mit anderen Dingen beschäftigt. Es gibt Musik, die kann man nur mit den Neubauten spielen und es gibt Musik, die kann man nicht mit den Neubauten spielen, die ist aber deshalb nicht weniger wichtig. Und deshalb habe ich mit Crime & the City Solution oder den Jever Mountain Boys gespielt und Film- und Theatermusik gemacht.

tip Viele Ihrer Projekte haben Sie in den letzten Jahren mit ihrer Ehefrau Danielle de Picciotto verwirklicht. Kreativität und Ehe gehören bei Ihnen zusammen?
Alexander Hacke Ohne Danielle säße ich wahrscheinlich nicht hier, mit ihr habe ich vor 15 Jahren meine andere Hälfte gefunden. Wir sind ein gutes Paar und wir machen nicht nur Musik zusammen oder arbeiten an anderen Projekten, sondern führen seit 2010 ein nomadisches Leben. Wir haben unser Haus in Wedding aufgegeben und sind seit dem unterwegs. Viel in den USA, aber auch in Mexiko, Prag, Wien, Hamburg. In Berlin haben wir ein Büro, wo wir schlafen, wenn wir hier sind, und unser Lager mit dem Archiv, der Kunstsammlung und den Instrumenten.

tip Früher waren Sie in Clubs und Kneipen wie dem SO36, dem Risiko, dem Dschungel und dem Ex’n’Pop zuhause. Haben Sie solche Orte heute noch in Berlin?
Alexander Hacke Es ist eine Tatsache, dass die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, nicht mehr existiert. Mein Bezug zu dem heutigen Berlin beschränkt sich auf Sentimentalitäten und auf Romantizismen. Dinge also, die mehr mit meiner Erinnerung zu tun haben und dem, was ich die Stadt hineinprojiziere, als mit dem, wofür diese Stadt heute wirklich steht. Das ist Nostalgie, wir leiden alle unter Nostalgie, das gehört wohl zum Menschsein dazu.

Interview: Jacek Slaski

Fotos: Danielle de Picciotto/ Eva Goessling

Krach – Verzerrte Erinnerungen von Alexander Hacke, Metrolit, 271 Seiten, 22

??Buchpremiere: Lido, Cuvrystr. 7, Kreuzberg, Do 19.11., 20 Uhr

Konzerte: ?Die Einstürzenden Neubauten spielen vom 25.-28.12. und am 31.12. im Radialsystem V, Holzmarktstr. 33, Friedrichshain

Mehr über Cookies erfahren