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Interview mit Arnon Grünberg

Interview mit Arnon Grünberg

Arnon Grünberg, Sohn jüdischer Eltern, bedeutendster niederländischer Autor der Gegenwart. Seine Bücher wurden in 30 Sprachen übersetzt.
Im neuen Roman fliegt der Architekt Samarenda nach Bagdad, um dort ein Opernhaus zu bauen. Doch in Dubai wird er beschuldigt, an einem Mord beteiligt gewesen zu sein.

tip Herr Grünberg, Ihr Programm ist unglaublich: weite Reisen, Lesungen, TV-Auftritte, ein täglicher Kommentar in der Amsterdamer Tageszeitung „de Volkskrant“. Sie brauchen wohl nicht viel Schlaf.
Arnon Grünberg?enn es sein muss, dann schreibe ich auch in Eisenbahnzügen. Die tägliche Kolumne schreibe ich nicht in dem Glauben, die Welt verändern zu können. Aber vielleicht mache ich den Lesern ein wenig Mut, stärker für ihre eigene Meinung einzutreten.

tip Ihr neuer Roman „Der Mann, der nie krank wurde“ handelt von einem Schweizer Architekten, der in Bagdad ein Opernhaus entwerfen soll. Er „bringt die trügerische Sicherheit, in der wir zu leben meinen, ins Wanken“, hieß es in einer Rezension.
Arnon Grünberg Was verbindet Wahrheit und gute Literatur? „Ein Vorgefühl von Wahrheit berührt mich“, schreibt Isaak Babel in einer seiner Geschichten. Ja, das kann gute Literatur bewirken. Und mir ist eine schmerzvolle Wahrheit lieber als eine Lüge, die Glück vorgaukelt.

tip Zum Tode verurteilt hofft dieser Architekt auf das Überleben seines Entwurfes für eine Bibliothek in Dubai. Ignorierend, dass es sich vor allem um einen Bunker handelt.
Arnon Grünberg Wer zu ängstlich ist, der wird gelebt. Ich hoffe immer auf eine unvorhergesehene Überraschung an der nächsten Straßenecke!

tip Sie sind für Ihr Buch nach Bagdad gereist. Haben Sie dort Ihr Leben riskiert?
Arnon Grünberg Ich bin vor allem in den Irak gefahren für journalistische Reportagen. Habe ich mein Leben riskiert? Wer weiß schon im Voraus, wann und wo er sein Leben riskiert? In Bagdad begleitete mich ein mir rätselhafter Mann, der ständig auf seinem Handy nach Porno­seiten suchte. Da hatte ich schon ein leicht ungutes Gefühl. Ohne Grund natürlich. Jemand, der sich Pornos ansieht, ist ja nicht unbedingt gefährlich.

tip Ihr Vater floh 1933 vor den Nazis aus Berlin, Ihre Mutter überlebte mit nicht zu brechendem Lebens­willen mehrere Konzentra­tionslager. Nach Kriegs­ende in Amsterdam wohnend hatten sie Heimweh nach Berlin.
Arnon Grünberg Sie heirateten in Berlin. Und eine Tante – Tante Hertha – arbeitete Ende der 70er-Jahre als Krankenschwester im Jüdischen Altersheim am Lietzensee. Jedes Jahr verbrachten wir dort eine Woche. Meine Mutter ist Düsseldorfer, Ecke Uhlandstraße aufgewachsen. Meine beide Opas kämpften im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite. Das kann man, glaube ich, Ironie der Geschichte nennen.

tip Als Sie im Juni in Berlin waren, lasen Sie in Marzahn aus Ihrem Reportage­band „Couchsurfen und andere Schlachten“. Wie sind Ihre Erfahrungen mit Berlin?
Arnon Grünberg Marzahn? Dort hatte ich meine schönste Lesung! Die schwierigste Lesung hatte ich in Brandenburg, acht Leute. Und die erste Frage war: „Was Sie da gerade gelesen haben, sind Sie sicher, dass es Literatur ist?“

tip Zu Ihrem 25. Schrift­stellerjubiläum ist Ihnen in Amsterdam derzeit eine Ausstellung gewidmet: „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt!“ Ein Fassbinder-Zitat.
Arnon Grünberg Heimlich will auch ich geliebt werden. Ein gefährliches Bedürfnis. Und es ist gut, es manchmal zu unterdrücken, das Wagnis einzugehen, ungeliebt zu sein. Ich habe keine Angst vor Konfrontationen. Mir ist der Hass eines Lesers lieber als seine Gleichgültigkeit.

tip Als 17-Jähriger haben Sie gegen das Schulsystem revoltiert. Ist der 17-Jährige in Ihnen jetzt stolz auf das Erreichte?
Arnon Grünberg Wer stolz auf sich ist, der ruht sich aus. Ich mache lieber selbst­kritisch weiter. Eine Schwäche? Die Unfähigkeit, mich selbst zu lieben? Meine Mutter hat auf der mir gewidmeten Ausstellung zum ersten Mal gesagt, dass sie stolz auf mich sei. Verwirrt habe ich sie umarmt. Ihre zärtliche Liebe war für die Entwicklung meiner Intelligenz, meines Gefühls­lebens sehr wichtig. Zu seinem Kind nicht zärtlich zu sein, das ist Kindes­misshandlung.

tip Ihre Energie! Sie gleichen Ihrer Mutter!
Arnon Grünberg Ich bin von ihrer Lebenslust, die sie, glaube ich, auch in einem KZ nie verlor, geprägt: ganz ihr Sohn! Und ich habe ohne Idealisierung ihre Weltanschauung bewahrt: Auch an schrecklichen Orten gibt es anständige Leute.

Interview: Peter Hille

Foto: Bettina Fürst-Fastrй

Der Mann, der nie krank war von Arnon Grünberg, Kiepenheuer & Witsch, 240 S., 18,99 Euro

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