Bücher

Interview mit Bert Papenfuß

Interview mit Bert Papenfuß

Bert Papenfuß Geboren am 11.1.1956 in Reuterstadt Stavenhagen, Lyriker der Subkultur in Prenzlauer Berg, Kooperationen mit Musikern und Künstlern, Mitherausgeber vieler Zeitschriften (z.B. „Sklaven“, „Abwärts!“), anarchistischer Kulturkneipier (Kaffee Burger, Rumbalotte continua).

tip Glückwunsch zum 60. Geburtstag, Bert Papenfuß. Werden Sie jetzt melancholisch?
Bert Papenfuß Nee, eigentlich nicht. Mit 19 konnte ich mir nicht vorstellen, 20 zu werden, geschweige denn 91. Und heute bin ich eben 60. So.

tip Im September haben Sie nach 15 Jahren Ihren Quasi-Zweitberuf als Kneipier aufgegeben: mit dem Ende der Kulturspelunke Rumbalotte continua in der Metzer Straße.
Bert Papenfuß Ja, es begann 1999 mit dem Kaffee Burger. Das habe ich neun Jahre lang gemacht, zusammen mit Karl-Heinz Heymann und Uwe Schilling. Und nach einem Jahr Pause noch mal fünf Jahre die Rumbalotte.

tip Fehlt Ihnen jetzt schon die Tresenarbeit?
Bert Papenfuß Überhaupt nicht, nee. Die Rumbalotte war für meine Frau Mareile und mich ein sehr anstrengender Job. Der Laden lief nicht gut genug. Wir konnten nicht wirklich davon leben.

tip Weil das Stammpublikum nicht ausreichte?
Bert Papenfuß Da haben sich ja auch Touristen hin verlaufen, in der Nähe sind viele Hostels. Die dachten, das wäre eine ganz normale Anarchokneipe, oder ein linkes Informationszentrum. Andere haben das für eine harte Musik-Bar gehalten. Ein paar haben aber auch begriffen, dass es ein Hort der Prenzlauer-Berg-Resistenz war.

tip Einer der letzten im Bezirk.
Bert Papenfuß Alle kennen ja die Situation. Der Prenzlauer Berg ist konsolidiert für eine bestimmte Populationsschicht, die ich jetzt nicht näher beschreiben muss. Aber auch diese Leute haben Kinder, die irgendwann groß sind. Dann werden sie merken, dass hier nichts los ist. Wenn sie sich amüsieren wollen, müssen sie nach Neukölln oder Kreuzberg. Gesellschaftliche Umbrüche haben Konsequenzen: Gentrifizierung, Degentrifizierung, Reconquista, Anarchie usw. usf.

tip Wie genau meinen Sie das jetzt?
Bert Papenfuß Wie ich’s gesagt habe: Berlin ist nicht aller Tage Abend.

tip Was bedeutet eigentlich das Wort „Psychonautikon“ im Titel des neuen Buches?
Bert Papenfuß Sagen wir mal: Das Buch ist ein Seelenführer durch den Prenzlauer Berg, schon seit der Konzeption ein Standardwerk.

tip Eigentlich sollte es ja „Pißpott Prenzlauer Berg“ heißen, wie eine originalgraphische Edition, die Sie – wie dieses Buch – mit dem Musiker Ronald Lippok (Tarwater, To Rococo Rot) gemacht haben.
Bert Papenfuß „Pißpott“ bezieht sich auf das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Dass man diverse Stufen der Entwicklung durchlebt und am Ende wieder auf seinen Ursprung zurückgeworfen wird. So ähnlich erschien Ronald Lippok und mir die Situation im Prenzlauer Berg. Als wir dort Anfang der 80er-Jahre anfingen, gab es keine Veranstaltungsorte für die Art von Kultur, für die wir standen. Kurz nach der Wende hatten wir ein reges kulturelles Leben in Prenzlauer Berg. Dann wurde es nach und nach wieder abgebaut. Und zum Schluss ist es so wie zu Beginn: Man will ein Konzert veranstalten.  Aber wo eigentlich? Wo?

tip Vielleicht zurück dorthin, wo alles anfing – zu den Performances in Wohnungen?
Bert Papenfuß ScHappy hat mir neulich erzählt, er mache jetzt wieder Wohnungslesungen.

tip Peter Wawerzinek alias ScHappy gehörte wie Sie zur legendären Prenzlauer-Berg-Connection – der Subkultur in Ostberlin.
Bert Papenfuß Er wohnt ja direkt im Herzen der Bestie: am Kollwitzplatz (lacht). Der Prenzlauer Berg hat sich damals auch in Mitte abgespielt, oder in Friedrichshain. Und wir haben vorzugsweise in Friedrichshain gewohnt. Adolf Endler hat zwar später diesen Begriff der „Prenzlauer-Berg-Connection“ geprägt, aber das hing viel eher damit zusammen, dass relativ viele Veranstaltungen in Prenzlauer Berg stattfanden – und auch unsere Kneipen dort waren.

tip Auf einer von Lippoks wunderbar stilisierten Karten im Buch sind einige zu sehen.  
Bert Papenfuß Klar, wir sind ins Cafй Mosaik in der Prenzlauer Allee gegangen, ins Wiener Cafй in der Schönhauser Alle, ins Fengler in der Lychener Straße. Oder ins Burger in den 70er Jahren.

tip Eine andere war Trümmerkutte an der Ecke Oderberger Straße/Kastanienallee.
Bert Papenfuß Das war eine Kneipe für Peter Brasch, der hat um die Ecke in der Choriner gewohnt. Wenn ich mal bei Trümmerkutte war, dann mit Peter Brasch nach einer durchsoffenen Nacht. Der machte sehr früh auf. Um vier oder fünf Uhr. Gut für die Nachtschwärmer.

tip Hat Ihnen die langjährige Kneipenerfahrung später hinterm Tresen was gebracht?
Bert Papenfuß Das hat im Kaffee Burger dazu geführt, dass ich sofort Tresenverbot hatte – da ich am Tresen immer so großzügig bin und alle meine Freunde einlade.

tip
Die alte Prenzlauer-Berg-Szene wirkt ja als Schlagwort fort. Aber auch literarisch?
Bert Papenfuß Viele haben sich zurückgezogen. Stefan Döring macht kaum noch was.  So ähnlich wie Henryk Gericke, der auch nur alle fünf Jahre mal ein Büchlein rausbringt. Von vielen hört man gar nichts mehr. Detlef Opitz arbeitet immer zehn oder 15 Jahre an einem Buch. Ein paar sind gestorben, wie Peter Brasch. Wer ist eigentlich noch literarisch aktiv (grübelt)? ScHappy, ich. Döring hin und wieder.  Aber sonst?

tip Jan Faktor – der aber der Szene entsagte und im Jahr 2000 in einem Text darlegte, „warum aus uns nichts geworden ist.“
Bert Papenfuß Die Vorwürfe hat er schon 1984 erhoben. Immer wieder über die Jahre. Diszipliniert euch! Sauft nicht so viel! Verderbt euch die zwischenmenschlichen Beziehungen nicht durch die ganze Rumfickerei! (lacht)

tip In einem Ihrer Texte im Buch schreiben  Sie ja von der angeblichen Prenzlauer Berger Redensart „Rumzicken, Durchticken, Rumficken und Durchblicken“. Laut Fußnote ein Zitat aus: Diktatorenkollektiv (Hg.). „Lohn und Sanktion. Wie wir sprachen – was wir wurden. Lexikon und Idiotikon der Prenzlauer Berg-Untertagesprache“. Erscheinungstermin: 2017. Im Netz findet man dafür unter einem Ihrer Texte aber auch ein früheres Datum: 2013.
Bert Papenfuß Ja, ja. Wir arbeiten schon lange daran (lacht).  Steht da nicht auch noch etwas vom Kapitel „Prenzlauer Berg rhyming slang“?

tip Ja. Das Projekt gibt es also wirklich?
Bert Papenfuß Ich bin ein Mitglied des Autorenkollektivs. Wir wollen einfach mal die ganzen klandestinen Ausdrücke zusammentragen, die man in den 70er- und 80er-Jahren benutzt hat.

tip Wie geht es nach dem Ende der Kulturspelunke Rumbalotte continua weiter?
Bert Papenfuß Wir betreiben die Rumbalotte als Verein. Jetzt haben wir ein Vereinslokal in der Willner-Brauerei in Pankow. Da gibt es einen Biergarten, ein paar kleine Gewerke wie eine ?Kaffeerösterei und diverse Clubs. Es war ja auch immer so, dass wir unsere Veranstaltungen auch in befreundeten Kneipen ?gemacht haben: im Baiz oder im Lokal – dem ehemaligen Pieper –, und im Luxus von ?Stefan Döring.

tip Sie selbst sind vor vier Jahren nach Weißensee ins Komponistenviertel zu Ihrer Frau gezogen. Wie sind die Kneipen dort?
Bert Papenfuß Wir gehen da eigentlich nicht in die Kneipe. Gibt ja keine richtige. Gegenüber ist ein Kubaner. Das war früher mal die „Baiz von Weißensee“.  Aber der Vermieter hat irgendwann viel mehr Miete verlangt, das war’s dann. Das Komponistenviertel ist sozusagen der verlängerte Prenzlauer Berg.

tip Der Prenzlauer Berg zieht Ihnen also quasi hinterher, Herr Papenfuß!
Bert Papenfuß Natürlich! Ein Bio-Ding nach dem anderen, eine Cocktail-Bar nach der anderen! Weiter hinten gibt es immerhin noch einen Antifa-Laden, die Bunte Kuh, die ist schon ewig da. Für die bin ich jetzt allerdings zu alt.

Interview: Erik Heier

Foto: das GRAUFELD

Psychonautikon Prenzlauer Berg Gedichte und Texte: Bert Papenfuß,
Zeichnungen: Ronald Lippok, Interviewpassagen: Annett Gröschner, Verlag
starfruit publications, 216 S., 21 Euro

Mehr über Cookies erfahren